Den „NZ+Ich“-Teilnehmern präsentierte Dr. Jenny Sarrazin (Mitte) besondere Exponate – wie diesen Strumpf und eine alte Flasche.
Den „NZ+Ich“-Teilnehmern präsentierte Dr. Jenny Sarrazin (Mitte) besondere Exponate – wie diesen Strumpf und eine alte Flasche. | Foto: Brocks

„Jedes Wrack ist wie eine Zeitkapsel“

Unscheinbar sieht er aus, der schwarze Damenstrumpf – fast wie neu. Trotzdem zieht sich Dr. Jenny Sarrazin weiße Handschuhe an, bevor sie ihn berührt. Denn der Strumpf ist ein kostbares Exponat: Er sank 1912 mit dem Frachter „Vandalia“ und lag 66 Jahre auf dem Meeresgrund. Bei einer exklusiven „NZ+Ich“-Aktion im Wrack- und Fischereimuseum „Windstärke 10“ in Cuxhaven stellte die Museumsdirektorin zehn Abonnenten der NORDSEE-ZEITUNG viele außergewöhnliche Stücke vor, die normalerweise nicht in der Ausstellung zu sehen sind.

„Ich kenne hier jeden Stein, jeden Buchstaben und jedes Exponat“, sagt Sarrazin und lacht. Sie nennt sich selbst „Mutter des Museums“, hat es von Stunde null an mit aufgebaut. „Wir haben versucht, menschliche Schicksale einzubauen. Das packt den Besucher“, erläutert die Expertin und spricht von Edutainment – „unterhaltsamem Lernen“.

Bei ihrer Führung berichtet die Museumsdirektorin mit viel Herzblut von der Arbeit auf den Schiffen, dem Los der Besatzungen und dem Kampf gegen die Naturgewalten. „Die Hochseefischerei war unglaublich gefährlich. Man arbeitete bei hohem Seegang, mit tonnenschwerem Gerät, auf vereisten oder auch nassen Decks.“ Wer „über Bord gewaschen“ wurde, hatte im eisigen Wasser kaum eine Überlebenschance.

Die meisten Exponate stammen aus den vergangenen 200 Jahren und wurden vom Meeresgrund der Deutschen Bucht und aus Weser, Ems und Elbe geborgen. „Zwischen Untergang und Bergung vergingen manchmal viele Jahre. Jedes Wrack ist wie eine Zeitkapsel“, erklärt Sarrazin. Wenn sie an die „Mary Rose“ denkt, kommt sie ins Schwärmen: Das damalige Flaggschiff von Heinrich VIII. sank 1545 bei einem Seegefecht gegen die Franzosen vor der englischen Küste von Portsmouth. „Im Jahr 1971 hat man das Wrack entdeckt und konnte Tausende, im Schlamm konservierte Gegenstände aus dem Inneren retten“ – etwa die Mütze des Kapitäns, die Instrumente des Bordarztes und sogar ein Arzneiglas voll Pfeffer. „Im Wasser bleibt vieles erhalten, was an Land zerstört würde. An Land gibt es kleine Tiere und Mikroben, die das organische Material auffressen“, erklärt die Expertin.

Foto: Brocks

„Schiffsuntergänge sind schrecklich, haben aber eine gewisse Faszination“, weiß Sarrazin. Es ist die Geschichte einer kleinen Porzellantasse, die sie besonders bewegt. Im Januar 1883 kollidierte der Passagierdampfer „Cimbria“ vor Borkum mit der britischen „Sultan“. „Die Havarie gilt als größte zivile Schiffskatastrophe in der Deutschen Bucht. Beim Untergang starben 437 der 493 Menschen an Bord“, erklärt Sarrazin. Reste von Schiff und Ladung finden sich heute in Cuxhaven. Darunter das Tässchen – innen mit Goldrand, außen blassrosa. „Eigentlich ein furchtbar kitschiges Stück“, sagt Sarrazin. Doch eine Aufschrift sorgt bei Museumsbesuchern für Gänsehaut: „Remember me“ – Erinnere dich an mich.

„Ich hätte nicht gedacht, dass Exponate, die so lange unter Wasser waren, so gut erhalten bleiben“, staunt NZ-Abonnent Volker Gudehus. Ehefrau Brunhilde schwärmt: „Die Führung war so lebendig, man hatte das Gefühl, mitten drin zu sei. Das war spannend.“ Klaus Wülbern ist begeistert: „Es war toll, mehr über die Exponate zu erfahren, die man als normaler Besucher nicht zu sehen bekommt.“ Als Schüler habe er selbst an Ausgrabungen teilgenommen – allerdings an Land. „Alles, was mit Ausgrabungen und Exponaten zu tun hat, fasziniert mich“, so der 68-Jährige.