•Geschäftsführer Jens Uwe Otten (Mitte) führte die NZ-Leser durch die Gehr-Produktionshallen und erklärte die einzelnen Schritte.
•Geschäftsführer Jens Uwe Otten (Mitte) führte die NZ-Leser durch die Gehr-Produktionshallen und erklärte die einzelnen Schritte. | Foto: Brocks

Im Auftrag der Superreichen

„NZ+Ich“-Aktion: Lunestedter Firma Gehr stattet Yachten, VIP-Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe aus

Lunestedt. Von außen wirkt alles recht unscheinbar. Lediglich ein diskretes Firmenschild verweist auf die schmale Auffahrt. Doch hinter einem Bürogebäude verbergen sich drei große Werkshallen. Hier werden Träume von Stars, Scheichs und Regierungschefs wahr. Bei Gehr Yacht und Aircraft in Lunestedt werden Möbel vom Feinsten hergestellt: für Megayachten, VIP-Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe. Bei einer „NZ+Ich“-Aktion konnten sich zehn NZ-Abonnenten im 6800 Quadratmeter großen Produktionsbereich umsehen. Mit einer kleinen Tischlerei im Ort fing alles an, inzwischen erfreut sich das Unternehmen als Innenausbauspezialist international höchster Reputation.

1984 erhielt Gehr den ersten Auftrag für den Innenausbau auf einer Yacht. Das Kreuzfahrtschiff „Queen Elizabeth 2“ wurde hier genau so aufgemöbelt wie Flugzeuge vom Typ Boeing 747-8 und der Airbus A 318 Elite. Seit 2003 arbeitet die Firma eng mit Lufthansa-Technik zusammen, ist mittlerweile Zulieferer für deren Luftfahrt-Möbel. Designwünsche liefern die Kunden, konstruiert und produziert wird in Lunestedt.

Kabinenausstattungen, Foyers, Bibliotheken, Treppenaufgänge und komplette Restaurants gehören mittlerweile zum Tagesgeschäft. „Bei Kreuzfahrtschiffen muss passgenau vorproduziert und vor Ort millimetergenau montiert werden“, erklärt Geschäftsführer Jens Uwe Otten. Von der Massenanfertigung hat sich Gehr längst verabschiedet: „Meistens bauen wir Unikate“, betont Otten. Dabei kommt es nicht nur auf Termintreue und Qualität der Bauausführung an, sondern auch auf die strikte Einhaltung der Sicherheitsstandards: „Holz ist ein wunderbarer Naturwerkstoff“, schwärmt Otten. Und doch kommt er immer seltener zum Einsatz: „Aufgrund der hohen Brennbarkeit ist Holz problematisch.“ Anstelle des Naturmaterials werden Kunststoffe verwendet: Die Maserung auf den Wabenbauplatten wirkt dennoch echt, ist aber nur ein Tintenfilm, der bei einem Tauchbad von der wasserlöslichen Trägerfolie auf die Bauteile aufgetragen wird. Die Einzelteile werden von Hand lackiert, das ein oder andere Teil wird poliert, „bis man sich darin spiegeln kann“.

Die Vorschriften im Flugzeugbau seien noch strenger: „Das Material darf natürlich auch nicht brennbar sein, muss zudem aber noch besonders leicht und extrem belastbar sein.“ Welches Material verbaut wird, bestimme der Auftraggeber. Gehr verarbeite alle Materialien, wie Plattenwerkstoffe, Furniere, Lacke und Stoffe – streng nach den Vorschriften der Schiff- und Luftfahrt. Bei Umbauten auf Kreuzfahrtschiffen sei mehr eigene Kreativität gefordert. „Ein Projekt dauert rund zwei bis drei Jahre.“ Für wen aktuell gefertigt wird: Otten lächelt verschmitzt – und schweigt. Die Kunden legen Wert auf Verschwiegenheit.

„Ich wollte früher selbst Tischlerin werden, habe mich dann aber doch fürs Lehramt entschieden“, sagt NZ-Leserin Maria Riesenbeck, die sich noch immer sehr für handwerkliche Tätigkeiten interessiert: „Daher war die Aktion für mich auch sehr spannend und aufschlussreich. Ich hätte nämlich gedacht, dass hier noch mehr mit Holz gearbeitet wird, und war überrascht, welche Werkstoffe inzwischen eingesetzt werden“, so die Bremerhavenerin:

„Das Know-how, das hier angewandt wird, ist sehr beeindruckend“, sagt NZ-Leserin Martina Buchholz, die ihren Vater begleitet hat: „Er hat früher als Tischler in der Möbelfabrik Warrings in Bremerhaven gearbeitet und wollte schon immer einmal bei Gehr hinter die Kulissen schauen.“ Auch Martina Buchholz hätte sich eine Ausbildung als Tischlerin vorstellen können, hat sich dann aber für einen anderen Beruf entschieden: „Schöne Möbel finde ich aber faszinierend“, schwärmt Buchholz.

„Ich finde es toll, dass es sich hier nicht um Massenproduktion handelt“, sagt Johannes Dirksen, der tagtäglich an den Produktionshallen vorbeifährt: „Klasse, dass ich den Betrieb jetzt endlich von innen kennenlernen konnte.“