Sönke von Glahn (vorne) zeigte den NZ-Lesern die Wellenkammer. Von einem kleinen „Balkon“ hat man die Containerschiffe im Blick.
Sönke von Glahn (vorne) zeigte den NZ-Lesern die Wellenkammer. Von einem kleinen „Balkon“ hat man die Containerschiffe im Blick. | Foto: Brocks

„Hier zu stehen ist etwas Besonderes“

NZ+Ich-Teilnehmer dürfen exklusiv die Wellenkammer besichtigen – Weltweit einmalige Konstruktion soll Hafen schützen

Bremerhaven. „Betreten für Unbefugte verboten“, steht auf einem Schild an dem massiven Tor am nördlichen Schlepperhafen. Hier in Weddewarden befindet sich der Eingang zur Unterwelt des Containerterminals. „Ich stand hier schon öfter und habe versucht, einen Blick hineinzuwerfen“, verrät NZ-Leser Hans-Joachim Bruns und schaut neugierig in den Gang hinter dem Tor. Die Wellenkammer ist der Ort, an dem die großen Wogen sterben. Kaum jemand hat sie je betreten. Bei einer „NZ+Ich“-Aktion öffnete Bremenports jetzt für 18 Abonnenten der NORDSEE-ZEITUNG ganz exklusiv das Tor.

Der lange Gang unter der Kaje beginnt am Containerterminal Süd und endet weit im Norden. Zur Landseite ist der Tunnel mit einer massiven Wand geschlossen, an der Wasserseite stehen massive Betonstützen. Alle 2,40 Meter ein Pfeiler – so weit das Auge reicht. „Hier wird die Energie der anlaufenden Wellen gebrochen“, erklärt Bremenports Geschäftsführer Robert Howe den Zweck der weltweit einmaligen Konstruktion.

„Die Konstruktion nimmt auch jeder Sturmflut die Wucht“

Das Wellenkammer-Prinzip wurde in den 60er Jahren für den Bau der ersten Abschnitte der Bremerhavener Stromkaje entwickelt, um der speziellen Lage der Wesermündung und der vorherrschenden Windrichtung aus Nordwest mit der entsprechend hoch auflaufenden Flut gerecht zu werden. „Die Kammer verhindert, dass die Wellen über die Kaje schlagen können und den Umschlag behindern“, sagt Howe und betont: „Die Konstruktion nimmt auch jeder Sturmflut die Wucht.“ Was kaum jemand wisse: Das war anfangs nur ein Nebeneffekt.

Die Wellenkammer hatte ursprünglich eine ganz andere Funktion. „Durch diesen Hohlraum wird der Druck von der Spundwand genommen. Diese Konstruktion dient somit auch zur Stabilisierung der Wand“, erklärt Howe. Anders ausgedrückt: Der lange Tunnel unter der Kaje wurde errichtet, damit die Spundwand nicht irgendwann wegkippt. „Das die Wellenkammer aus statischen Gründen errichtet wurde, war mir völlig neu“, sagt NZ-Leser Henk Veldkamp, der sich sehr für die Technik interessierte.

„Man sieht kein Ende“

„Faszinierend, man schaut nach vorne und sieht kein Ende“, staunt Gitta Bruns bei der Fahrt mit einem Kleinbus durch den Gang. In der Wellenkammer geht es endlos lang geradeaus. Fast fünf Kilometer lang. Erst bei Meter 3500 macht die Wellenkammer einen Knick. Genau wie das Fahrwasser. Zehn Grad Richtung Westen. Alle 30 Meter dämpfen Fender das Anlegen der Schiffsriesen ab.

Von den Container-Riesen sieht man allerdings nur den Rumpf: „Das ist mal eine völlig andere Perspektive“, freut sich Gitta Bruns. Auf dem Boden und an den Wänden finden sich Überreste von Algen. „Das kommt vom Spritzwasser“, sagt Sönke von Glahn. Durch Wasser und Salz fangen die Stahlteile schon mal an zu rosten. Daher sind regelmäßig Wartungstrupps im Tunnel unterwegs. Sie entfernen den Rost und bringen neue Schutzfarbe auf. Einmal in der Woche kontrollieren Mitarbeiter die Wellenkammer: „Schweinswale und Robben wurden auch schon mal gefunden“, erzählt Howe.

„Ich bin seefahrtinteressiert und heute hier zu stehen, ist etwas ganz Besonderes“, sagt NZ-Leser Carsten Heßler, der von den Dimensionen der Wellenkammer fasziniert ist.

„Die Größe der Kammer ist beeindruckend“, sagt auch Jochen Hilger. Wie sein Vater interessiert sich auch Sohn Peter Hilger (53), der gerade aus Finnland zu Besuch in Bremerhaven ist, für den Hafen, ist hier gerne mit dem Rad unterwegs: „Das ist heute eine einmalige Gelegenheit, um den Hafen aus einer völlig anderen Perspektive kennenzulernen.“