Daniela Ebner erklärt den NZ-Lesern, welche Aufgaben das Havariekommando übernimmt. Foto: Brocks
Daniela Ebner erklärt den NZ-Lesern, welche Aufgaben das Havariekommando übernimmt. Foto: Brocks

Für den Ernstfall gewappnet

Cuxhaven. Ein Frachtschiff gerät in extreme Schieflage, verliert seine Ladung und droht zu kentern. Letztendlich treiben einige Hundert Holzteile im Wasser und bedrohen andere Schiffe: Ein Fall für das Havariekommando. Das übernimmt bei „komplexen Schadenslagen“, also bei größeren Schiffsunfällen mit Gefahr für viele Menschen oder etwa einer drohenden Ölpest, die Leitung der Rettungsmaßnahmen.

Bei einer „NZ+Ich“-Aktion konnten 15 Abonnenten der NORDSEE-ZEITUNG den Sonderlageraum des Havariekommandos in Cuxhaven besichtigen.

Das Havariekommando ist für maritimes Notfallmanagement auf Nord- und Ostsee, den schiffbaren Zuflüssen, Hafenzufahrten und dem Nord-Ostsee-Kanal zuständig. „Das Maritime Lagezentrum ist rund um die Uhr mit einem Nautiker besetzt. Es ist Auge und Ohr des Havariekommandos“, sagt Simone Starke, zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Läuft ein Notruf auf, wird der Havariestab alarmiert: „Außerhalb der regulären Dienstzeiten sind wir innerhalb von 45 Minuten einsatzbereit“, versichert Starke.

Ein Havariestab, bestehend aus Experten aller Fachrichtungen, leitet dann die Hilfsmaßnahmen: „Alle beteiligten Schiffe, Flugzeuge und Hubschrauber werden dafür dem Kommando des Einsatzleiters in Cuxhaven unterstellt. Dabei ist es egal, zu welcher Behörde oder Einrichtung sie gehören“ erklärt Starke. Polizei- und Zollboote, die Arbeitsschiffe der Wasser- und Schifffahrtsämter, Seenotrettungskreuzer, sogar die Kriegsschiffe der Marine sind dann den Experten in Cuxhaven unterstellt. „Jeder neue Einsatz bringt neue Herausforderungen“, sagt Starke. Daher stehen im Jahr rund 160 Übungen auf dem Plan. Dann proben die Helfer das Zusammenspiel von Einsatzkräften, Luftüberwachung sowie Notschleppern und speziellen Ölbekämpfungsschiffen.

Die Cuxhavener Behörde ist die Konsequenz aus einer Schiffskatastrophe: Als 1998 der Holzfrachter „Pallas“ brennend vor der Insel Amrum strandete, begann umgehend eine Debatte über Mängel in der deutschen Katastrophenabwehr auf See. „Damals gab es keine klaren Zuständigkeiten“, sagt Starke. 2002 dann einigten sich der Bund und die fünf norddeutschen Küstenländer auf die Gründung eines Havariekommandos.

„Seit 2003 haben wir 70 Einsätze erfolgreich abgearbeitet“, bilanziert Starke. Für komplexe Schadenslagen stehen vier speziell ausgerüstete Schiffe zur Verfügung: Die Mehrzweckschiffe „Mellum“ und „Neuwerk“ in der Nordsee, die als Schlepper oder zur Bekämpfung von Ölteppichen eingesetzt werden können, sowie „Arkona“ und „Scharhörn“ in der Ostsee. „Wir können diese Schiffe in Schadenslagen einsetzen, sie gehören aber nicht dem Havariekommando“, so Starke.

„Zum Glück gibt es nicht jeden Tag einen Ernstfall“, sagt Daniela Ebner vom Maritimen Lagezentrum. In ruhigen Zeiten sind die Mitarbeiter des Havariekommandos unter anderem auch für die Koordination der Gewässerüberwachung aus der Luft zuständig. Im Auftrag des Havariekommandos ziehen daher täglich auch zwei „Dornier 228“ über Nord- und Ostsee ihre Bahnen. Die Flieger überprüfen die Schiffsrouten nach Schiffen, die illegal das Altöl im Meer entsorgen oder die den Stoff aufgrund eines Defekts oder Unfalls verlieren. „Vorher bekommen wir meist ein Radarbild, das Auffälligkeiten zeigt“, erklärt Ebner. „Wenn die Oberflächenspannung des Wassers glatter ist als normal, ist das ein Hinweis für Öl, aber auch für Eis oder Algenvorkommen.“

„Über das Havariekommando habe ich schon viel gehört, aber jetzt sind mir die Zusammenhänge deutlich klarer“, freut sich NZ-Leser Werner Ruppert. „Besonders spannend fand ich, wie die Gewässerüberwachung funktioniert. Dass man an der Farbe von Öl erkennen kann, wie groß ein Ölteppich sein könnte, hätte ich nicht gedacht“, sagt Ingrid Hartung. Auch ein paar Experten nutzen die Gelegenheit, sich den Sonderlageraum einmal anzusehen. „Ich arbeite auf der „Mellum“, war aber noch nie hier im Lagezentrum“, sagt Jan Knoch. Für den 56-Jährigen war es besonders spannend zu erfahren, was passiert, bevor die „Mellum“ alarmiert wird. Dieter Kreitz hat lange Jahre als Chefingenieur auf der „Neuwerk“ gearbeitet: „Ich habe viele der Einsätze, von denen wir heute gehört haben, miterlebt“, so der 71-Jährige.