•Dr. Benny Rievers (rechts) zeigte den Lesern eine der Kapseln mit einer Versuchsanordnung. Foto: Brocks
•Dr. Benny Rievers (rechts) zeigte den Lesern eine der Kapseln mit einer Versuchsanordnung. Foto: Brocks

„Fantastisch, was man alles erforschen kann“

Bremen. Er ragt 146 Meter hoch in den Himmel: Den Fallturm an der Uni in Bremen kennt fast jeder – meistens allerdings nur von außen. Bei einer „NZ+Ich“-Aktion konnten sich zehn Leser der NORDSEE-ZEITUNG im Inneren umsehen und sogar die Fallröhre betreten.

Der Bremer Fallturm ist ein in Europa einzigartiges Großlabor, das Wissenschaftler aus aller Welt seit mehr als 25 Jahren für Experimente unter kurzzeitiger Schwerelosigkeit nutzen. So wird etwa das Verhalten von Materialien oder Flüssigkeiten in der Schwerelosigkeit untersucht. „Raketen-Treibstoff etwa verhält sich in den Tanks im Weltall ganz anders als auf der Erde“, erklärt Dr. Benny Rievers, Mitarbeiter des Zentrums für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation.

Im Prinzip ganz einfach

Wie die Experimente im Fallturm funktionieren? Physiker würden wohl sagen: Im Prinzip ganz einfach. Man muss nur etwas hochziehen und fallenlassen. Tatsächlich installieren die Forscher ihre Versuchsanordnungen in einem 2,40 Meter hohen Metallzylinder mit einem Durchmesser von 80 Zentimetern. „Um Schwerelosigkeit zu erzeugen müssen wir zunächst die Luft aus der Fallröhre herausbekommen, so dass ein Vakuum entsteht und der Reibungswiderstand sinkt“, erklärt Rievers. Insgesamt 1700 Kubikmeter Luft werden innerhalb von zwei Stunden aus
dem Experimentierturm herausgesaugt. „Die Kapsel wird anschließend mit einem Seilzug 110 Meter nach oben gezogen und ausgeklinkt. In den folgenden 4,74 Sekunden Schwerelosigkeit sammeln Messapparaturen im Innern der Kapsel Daten, die anschließend ausgewertet werden“, erklärt Rievers. Er weiß: „Das klingt nach wenig, ist für Forscher aber eine halbe Ewigkeit.“

Weltweit einzigartig

Mit einem weltweit einzigartigen Katapult lasse sich die Dauer der Schwerelosigkeit sogar nahezu verdoppeln. Dazu wird die Kapsel hochgeschossen, bevor sie kurz vor der Spitze stoppt und wieder nach unten saust. Macht zusammen 9,3 Sekunden ohne Schwerkraft. „Damit ist der Fallturm für Kurzzeitexperimente eine sehr kostengünstige und permanent verfügbare Alternative zur Forschung im Weltall“, erklärt Rievers.

„So lange wie der Turm hier steht, hat er mich schon interessiert“, sagt Agnes Seidel. Dass hier Experimente in Schwerelosigkeit gemacht würden, habe sie natürlich gewusst: „Aber zu sehen, wie genau das funktioniert, war sehr spannend. Ich glaube, wir haben heute alle viel gelernt“, sagt die 84-Jährige. „Mich interessiert alles Technische. Ich mag es, wenn man den Kopf anstrengen muss“, sagt Helmut Koch, der von der Führung begeistert war: „Ich finde es fantastisch, was heute alles machbar ist und was man alles erforschen kann“. (akb)