•Der pensionierte Polizist Wolfgang Harlos (7. von links) nahm die NZ- Leser im Polizeimuseum mit auf eine Zeitreise. Foto: Brocks
•Der pensionierte Polizist Wolfgang Harlos (7. von links) nahm die NZ- Leser im Polizeimuseum mit auf eine Zeitreise. Foto: Brocks

„Erschreckend, wozu Menschen fähig sind“

Bremerhaven. Schon der Weg durch die langen und verwinkelten Flure des Stadthauses 6 lässt Spannung aufkommen. Dann schließt sich die schwere Gittertür des ehemaligen Polizeigewahrsams – und für die 14 Teilnehmer einer „NZ+Ich“-Aktion im Bremerhavener Polizeimuseum gibt es erst einmal kein Entkommen. Zwei Stunden lauschten die NZ-Abonnenten den Erzählungen des pensionierten Polizisten Wolfgang Harlos, der zu jedem Exponat eine spannende Geschichte zu erzählen hatte.

Der erste Kriminalfall, der im Museum dokumentiert wird, liegt schon mehr als 140 Jahre zurück. „Am 11. Dezember 1875 explodierte auf einem Schiff im Hafen die erste Zeitbombe der Welt und 83 Menschen starben“, erzählte Harlos. Der Schuldige war schnell gefasst: William King Thomas, der einen Versicherungsbetrug geplant hatte, schoss sich vor der Festnahme allerdings in den Kopf und starb. „Er wäre ansonsten enthauptet worden“, erklärte Harlos. So wie ein Viehdieb, der 1923 zwischen Heerstedt und Beverstedt einen Polizisten tötete. „Der Täter saß zehn Jahre später wegen eines anderen Verbrechens in Haft und prahlte vor einem Zellengenossen mit seiner Tat.“ Sein Todesurteil.

Eine harte Strafe erwartete auch einen Bremerhavener Sexualverbrecher, der ein Mädchen 1930 auf bestialische Weise ermordet hatte. Er hatte der Polizei vor seiner Festnahme noch geschrieben und mit den Worten „Es ist schade um die Opfer, aber es muss sein“ weitere Taten angekündigt. Gänsehautfaktor. Doch nicht immer gibt es einen im strafrechtlichen Sinn Schuldigen. So wie im Fall eines Dreijährigen, der seinem Großvater mit einem Spielzeugschwert auf den Kopf schlug. Das vermeintlich harmlose Spiel hatte böse Folgen: „Der Mann erlitt eine Hirnblutung und starb“, erzählte Harlos.

Tragisch auch die Geschichte des jungen Mannes, der 1946 am Leher Güterbahnhof getötet wurde. „Die Täter, die es auf Jeans und Schuhe abgesehen hatten, wurden gefasst. Doch die Identität des Opfers ist bis heute ungeklärt“, so Harlos.
Ein anderer Fall ließ die Besucher dagegen schmunzeln: Ein Bankräuber hatte 1994 zwar eine Tüte voller Geld erbeutet, doch es handelte es sich nur um Escudos und Drachmen im Wert von knapp 200 D-Mark. „Dank eines Tipps konnte die Polizei den Mann in einer Kneipe festnehmen, noch bevor er das erste Bier trinken konnte.“

Ihren Augen kaum trauen konnten die NZ-Leser beim Anblick einiger Waffen der Marke Eigenbau – darunter Handschuhe, an deren Fingern lange, scharfe Messer befestigt wurden, ein auf den ersten Blick harmloser Schlüssel mit scharfer Klinge und eine Gürtelschnalle, aus der sich Kugeln abfeuern lassen.

„In Bremerhaven hat es ja einige wirkliche spektakuläre Fälle gegeben“, staunte NZ-Leser Michael Hünecken. „Viele Fälle kannte ich aus der Zeitung. Es ist erschreckend, wozu Menschen fähig sind“, ergänzte Simone Harje. Beim Aufenthalt in der Originalzelle des früheren Gewahrsams wurde der 40-Jährigen ganz anders: „Auch, wenn es inzwischen ein Museum ist, finde ich die Atmosphäre erdrückend.“