Von den Dimensionen des Malersaals zeigten sich die Leser beeindruckt. Hier entsteht ein Teil der Bühnendekoration. Julia Vogel (rechts) zeigte den Teilnehmern ein Bühnenmodell. | Foto: Brocks

„Ein sehr intimer Prozess“

NZ+Ich“-Teilnehmer dürfen bei „Rio Reiser“-Probe am Bremerhavener Stadttheater zusehen

Bremerhaven. Sie hüpfen durch den Raum, singen lauthals „Mensch Meier“, den Song der Band Ton, Steine, Scherben – und brüllen „Nein, nein, nein!“: Für den normalen Zuschauer wirkt das schon ziemlich gelungen. Doch Ingo Putz ist noch lange nicht zufrieden: „Ich würde sagen, wir machen das noch mal“, ruft der Regisseur. „Drei Wochen geht das jetzt schon so“, stöhnt Schauspieler Henning Bäcker gespielt gequält und verdreht die Augen. Auch seine Kollegen seufzen theatralisch. Bei einer „NZ+Ich“-Aktion konnten 18 NZ-Abonnenten ganz exklusiv bei einer Probe des Stücks „Rio Reiser – Wer, wenn nicht wir“ am Bremerhavener Stadttheater zuschauen.

Die Proben beginnen meist fünf bis sechs Wochen vor der Premiere eines Stücks. „Normalerweise sind unbeteiligte Zuschauer in diesem Probenstadium ein absolutes No-Go“, macht Regisseur Ingo Putz deutlich, welch exklusive Einblicke die NZ-Abonnenten zwei Wochen vor der Premiere erhalten.

Denn noch gibt es für alle viel zu tun: Die Schauspieler müssen ein Gefühl für ihre Rollen entwickeln und ein gemeinsames Spiel entwickeln. „Das ist ein sehr intimer Prozess“, erläutert der Regisseur. „Das ist in etwa so, als würden Sie nach einer durchzechten Nacht jemand Fremdes in ihr Schlafzimmer hineinlassen.“

„In ihrer Freizeit müssen alle dann noch den Text lernen“

Geprobt wird in zwei Blöcken – vormittags von 10 bis 14 und nachmittags von 18 bis 22 Uhr. „In ihrer Freizeit müssen alle dann noch den Text lernen“, erklärt Putz. Los geht’s daher auch mit einer reinen Textprobe, bei der die Darsteller relativ emotionslos ihre Sätze herunterleiern – noch mit einigen „Bla Blas“ und häufigen Blicken ins Textbuch. „Da kommt doch eigentlich noch etwas dazwischen, oder?“, fragt Schauspieler Marc Vinzing, nachdem er seinen Text heruntergerattert hat. Einige Kollegen nicken, andere schütteln den Kopf. Gelächter.

Dann wird es ernst: Alle gehen auf Position. Und plötzlich steht da nicht mehr Henning Bäcker, sondern Rio Reiser, Marc Vinzing verwandelt sich in den Gitarristen Lanrue – und alles klingt völlig anders.

Szenen werden mehrmals geprobt

Immer wieder unterbricht der Regisseur das Spiel, gibt konkrete Anweisungen: „Ihr müsst ihn stärker einkesseln“, fordert er. Dann diskutieren alle über optimale Positionen und Bewegungsabläufe. Später erinnert Putz: „An dieser Stelle hatten wir einen kollektiven Würger eingebaut.“ Und der wird – sehr zur Unterhaltung der NZ-Leser – gleich mehrfach geprobt.

„Sie sehen: Man muss immer viele Kleinigkeiten besprechen“, sagt Regisseur Putz. Und so wird die gleiche Szene immer und immer wiederholt: „Wir sind noch auf der Reise. Seien Sie gespannt, was sich bis zur Premiere noch alles verändert“, sagt Putz.

„Ich wollte schon in Kindertagen immer sehen, was hinter der Bühne passiert“, erinnert sich Leserin Angelika Steinke, die von der „NZ+Ich“-Aktion begeistert ist: „Heute hat man mal gesehen, wie viel Arbeit in einem Stück steckt und wie anstrengend so eine Probe ist, weil jedes noch so kleine Detail zählt“, sagt die 69-Jährige.

„Ich liebe die Atmosphäre des Theaters“, schwärmt Ina Fabeck. Sie zollt den Schauspielern Respekt: „Ich finde es toll, dass sie sich im Vorfeld abrackern und dann auf die Bühne gehen, um mich zu unterhalten und mir einen schönen Abend zu bescheren“, lobt die 63-Jährige.

Besonders spannend sei der Besuch der Probe gewesen: „Ich finde es bemerkenswert, welchen Elan die Schauspieler haben, selbst wenn sie eine Szene wieder und wieder spielen müssen.“ Das Stück wird sich Fabeck auf jeden Fall ansehen: „Und dann werde ich ganz genau aufpassen, wie sie die Szene spielen, die heute geprobt wurde.