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Warum es auf Grünstreifen in Bremerhaven wild aussieht

„Hier schießen die Gräser, die Nachbarn gucken schon. Warum mähen Sie nicht?“ Solche Anrufe kennt Mathias Neumann vom Gartenbauamt. Dass Gräser auf einem Teil der Grünflächen wild wachsen dürfen, ist Teil der ökologisch wichtigen Grünflächen-Strategie.

Wo Wildwuchs erwünscht ist: Thomas Reinicke (rechts) und Mathias Neumann vom Gartenbauamt vor dem Gesundheitsamt an der Wurster Straße.

Wo Wildwuchs erwünscht ist: Thomas Reinicke (rechts) und Mathias Neumann vom Gartenbauamt vor dem Gesundheitsamt an der Wurster Straße.

Foto: Lothar Scheschonka


Stiefmütterchen rein. Stiefmütterchen raus. Sommerblumen rein. Pflege mit Pflanzenschutzmitteln und englisch gekürzter Rasen: „Früher haben viele Städte und auch wir so die Grünflächen in der Stadt behandelt“, erinnert sich Thomas Reinicke. Der Diplom-Ingenieur und Landschaftsarchitekt ist Leiter des Gartenbauamts. Die Pflege war nicht nachhaltig, Pflanzen wurden weggeschmissen, Personal durch wiederkehrende Neubepflanzung gebunden.

Grünflächenstrategie seit zwei Jahren

Eine Ganzjahresbepflanzung wie am Flötenkiel ist nachhaltiger als wechselnde Blumenbeete.

Eine Ganzjahresbepflanzung wie am Flötenkiel ist nachhaltiger als wechselnde Blumenbeete.

Foto: Lothar Scheschonka

Heute stehen ökologische Aspekte im Vordergrund. Wie schon in den Vorjahren wird ausschließlich mit torffreier Erde gearbeitet und auf chemische Unkrautvernichter verzichtet. Seit zwei Jahren gilt für die Stadt eine Grünflächenstrategie. Was auf Verkehrsflächen und in Beeten begonnen hat, wird nun auch an Schulen und auf Friedhöfen fortgesetzt. Die Stadtverordnetenversammlung hat in der jüngsten Sitzung dazu einen entsprechenden Beschluss gefasst.

Vorbild für die Stadt Bremen

„Das freut uns, wir sind mit der Strategie sogar Vorbild für Bremen“, erklärt Gartenbaudezernent Dr. Ulf Eversberg (Grüne). Es geht darum, auch in der Stadt mehr Lebensraum für Insekten wie Bienen, Hummeln und Falter sowie Nahrungsquellen für Vögel und Fledermäuse zu schaffen. Dazu gehört eine nachhaltige und Ressourcen schonende Pflege.

Pflanzen, die das ganze Jahr bleiben

Im Schierholzgebiet dient eine neue „wilde“ Fläche als Lebens- und Nahrungsquelle.

Im Schierholzgebiet dient eine neue „wilde“ Fläche als Lebens- und Nahrungsquelle.

Foto: Lothar Scheschonka

Wie die Strategie aussieht? Angelegte Beete werden zunehmend so bepflanzt, dass sie ganzjährig bewachsen und so Lebensraum sind: mit Rosen, Gräsern und Stauden. „Der weitere Vorteil ist, dass man im Winter nicht nur auf braune Erde guckt wie früher“, so Reinicke.

Die bunten Blühstreifen, die an vielen Orten entstehen, gefallen. Allerdings gedeihen sie nur auf magerem Boden, der auf Verkehrsflächen eher selten anzutreffen ist. Der Boden müsse immer mitbearbeitet werden, das ist auch teurer.

Wildwuchs ist wichtig für Insekten und Vögel

Doch nicht nur deshalb gehören zur Strategie auch extensiv genutzte Flächen. Das heißt: Hier darf wachsen, was wächst. Solcher „Wildwuchs“ ist wichtig für Falter, Vögel und Co..

Diese Spontanvegetation irritiert allerdings noch manche Anwohner, die dann im Gartenbauamt nachfragen. „Wildwuchs heißt nicht verwahrlosen“, ergänzt Neumann. Die Flächen würden so angelegt und gepflegt, dass der Rad- und Autoverkehr nicht behindert wird. Müll wird entfernt. Manche Flächen müssen gewässert und hier und da mal Gehölz entfernt werden. Zweimal im Jahr wird auch „Wildwuchs“ gemäht. „Sonst würden die Flächen verbuschen und ein Wald entstehen“, erklärt Reinicke.

Auch Rasen wird es weiter geben

Das Bewusstsein ist erfreulicherweise erheblich gestiegen und damit auch die Akzeptanz, für das, was wir hier machen. Thomas Reinicke, Gartenbauamt

Das Bewusstsein ist erfreulicherweise erheblich gestiegen und damit auch die Akzeptanz, für das, was wir hier machen. Thomas Reinicke, Gartenbauamt

Foto: Lothar Scheschonka

In diesem Jahr sollen zu den „wilden“ Verkehrsinseln, Grünstreifen und „wilden“ Flächen in Parks weitere extensiv genutzte Flächen in Schulen und auf Friedhöfen hinzukommen. Infrage kommen auch Flächen, die nur vorübergehend nicht genutzt werden. Den Wildwuchs vor der Haustür könnten Lehrer auch als Lernort nutzen, ergänzt Neumann.

Egal ob zum Hundeauslauf, als Spiel- oder Liegewiese, „auch Rasen hat weiterhin seine Berechtigung in der Stadt“, sagt Reinicke.

Strategie zum Vorbild nehmen

Weil Mischwälder resistenter sind, soll sich im nächsten Schritt auch der Baumbestand weiter verändern – und dessen Pflege. Totholz soll mehr liegen bleiben, weil er eine wichtige Funktion erfüllt.

Das Gartenbauamt ist nicht für alle öffentlichen Flächen zuständig, manche fallen der FBG, Wirtschaftsförderung BIS, der Bremerhavener Entwicklungsgesellschaft Alter und Neuer Hafen (BEAN) oder der Stäwog zu. Ökologisch wäre es sinnvoll, wenn auch sie sich, wo es geht, die Strategie zum Vorbild nehmen.

Zahlen

8,5 Hektar an öffentlichen Grünflächen wurden zur wilden oder zur Blühwiese umgestaltet. 2022 sollen weitere 2,2 Hektar folgen.

Maike Wessolowski

Reporterin

Maike Wessolowski wurde in Remscheid geboren. Die ausgebildete Reiseverkehrskauffrau und Reporterin lebte und arbeite in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen bis sie 2018 in Bremerhaven festmachte. An der Region schätzt sie: Menschen, Maritimes, Möglichkeiten.

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