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Neuer Look für alte Schmöker

Die „Märchen aus 1001 Nacht“ haben schon bessere Zeiten gesehen. Der Bucheinband weist deutliche Gebrauchsspuren auf, der Rücken ist eingerissen. Für Torsten Becker ist das kein Problem: „Das kann man wieder schön machen“, sagt der 58-Jährige, der sich gerne mit Buchbinderei und -reparatur beschäftigt und Kurse dazu an der Volkshochschule Bremerhaven anbietet.

Torsten Becker begutachtet die „Märchen aus 1001 Nacht“ von Birgit Börresen.

Torsten Becker begutachtet die „Märchen aus 1001 Nacht“ von Birgit Börresen.

Foto: Bohn

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„Aus dem Buch haben meine Schwester und ich uns immer gegenseitig vorgelesen. Es war im Dauereinsatz“, erzählt Birgit Börresen, Fachbereichsleiterin „Kultur – Kunst – Kreativität“ an der VHS, der das Märchenbuch gehört. Für Becker ist das Buch ein relativ einfacher Fall – zumal Börresen das bunte Vorsatzpapier im Einband erhalten möchte. „Da verkleben wir den Buchrücken von unten mit einem Gewebeband, das von der Farbe ähnlich ist. Das fällt nicht auf“, meint er.

Doch so einfach ist es nicht immer: In den meisten Fällen soll der Einband komplett erneuert werden. Dazu schneidet er das eigentliche Buch mit einem Cuttermesser vorsichtig aus dem Einband heraus. „Wenn die Bindung selber in Ordnung ist, das heißt, die Seiten nicht lose herumfliegen, ist alles gut“, erläutert Becker. Wenn nicht, sei das der schlimmste Fall. Dann müsse neu gebunden werden. „So etwas dauert länger“, weiß er.

Torsten Becker bei der Reparatur eines Buches. Hier passt er einen neuen Buchrücken an.

Torsten Becker bei der Reparatur eines Buches. Hier passt er einen neuen Buchrücken an.

Foto: Bohn

Wenn das Buch herausgeschnitten ist, wird als Erstes der Vorsatz erneuert – das sind die zumeist bunten Seiten am Anfang, der Übergang zwischen Einband und Buch. „Hier gibt es spezielles Papier zu kaufen – mit Wasserzeichen, in verschiedenen Farben und Mustern“, erzählt der VHS-Dozent. Wenn das auf Größe geschnitten ist, kommt der Einband. Dieser besteht aus drei Teilen: den beiden Pappen vorne und hinten sowie dem Buchrücken. Letzterer wird noch etwas gewellt.

Das Einhängen des Buches, also das Einkleben in den Einband, ist die heikelste Phase. „Davor haben viele Panik. Kein Wunder: Geht hier etwas schief, kann man komplett von vorne anfangen“, weiß Becker und lacht. Deswegen wird der Leim aufgetragen, aber bevor die Pappen endgültig aufgeklebt werden, wird alles genau eingepasst – mit einem Falzbein. Am Ende kommt das Ganze in eine Buchpresse. „Einen neuen Einband kann ein Buchbinder in einer halben Stunde herstellen“, weiß Becker. Doch das Schöne an der Buchbinderei sei, dass es nicht um Schnelligkeit gehe.

Einband mit Fischleder

Zum Abschluss kann man den neuen Einband übrigens auch mit speziellem Papier verzieren. „Man kann da sehr kreativ sein. Es gibt Leute, die benutzen beispielsweise Fischleder“, erzählt Becker. Zudem könne man den Buchrücken noch mit Goldfolie und einem besonderen Werkzeug prägen. „Das funktioniert mit Hitze und Druck“, sagt der Buchbinder, der selber zu Hause viele selbst gestaltete Bücher stehen hat. Doch solche Bücher seien auch ein schönes Geschenk. „Deswegen sind meine VHS-Kurse vor Weihnachten auch immer voll“, weiß Becker. Allerdings gebe es am Ende auch einige, die die Bücher dann doch lieber selber behielten. Übrigens: „Man kann mit einem schönen neuen Einband auch ein Taschenbuch aufwerten“, rät Becker.

Seit 2001 an der VHS

Er selber ist Buchdrucker und Drucktechniker und auch begeistert von der Buchbinderei. An der VHS bietet er seit 2001 Kurse an: Papier schöpfen und gestalten, Letterpress, Druckgrafik, Plakatgestaltung, Lithografie und Buchbinderei. Letzteres als Wochenendkursus und neuerdings auch als Kurzkursus.

Bei einer Buchreparatur kann übrigens noch eine ganze Menge mehr getan werden: vom Bücher-Neubinden über das Reparieren brüchiger Seiten bis hin zum Papier-Nachschneiden, um vergilbte Ränder zu entfernen. Aber eines steht für Becker fest: „Bücher die älter sind als 1800, fasse ich nicht an. Die sind ein Fall für einen professionellen Restaurator.“

Christoph Bohn

stellv. Redaktionsleiter SONNTAGSjOURNAL

Christoph Bohn (Jahrgang 1968) ist in Bremerhaven geboren und im Cuxland aufgewachsen. Er hat in Bremen Wirtschaftswissenschaft und Politik studiert und ist Diplom-Ökonom. Nachdem er zweieinhalb Jahre als Controller beim Hanstadt Bremischen Hafenamt gearbeitet und nebenbei schon frei als  Journalist für die NORDSEE-ZEITUNG gearbeitet hatte, entschloss er sich zu einem Volontariat (1998-2000). Danach fing er als Redakteur beim SONNTAGSjOURNAL an (Schwerpunkte: Wirtschaft und Landkreis Cuxhaven).

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