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Mehr als bloße Orientierung

„Straßennamen sind das Gedächtnis einer Stadt.“ Mit diesem Zitat des vor drei Jahren verstorbenen Regensburger Professors Gerhard Koß unterstreicht die Zevener Studentin Nele Hellmiß in einer Hausarbeit die Bedeutung der Straßenbenennung über die bloße Orientierungsfunktion hinaus. Straßennamen sind Hellmiß zufolge gar Bestandteil des Kulturgutes. Eingedenk dessen befasst sie sich mit Zevener Straßennamen und spürt deren Bedeutung nach.

Ein Straßenschild.

Die Herkunft mancher Straßennamen liegt im Dunkeln: Kattrepel bedeutet ‚abgelegener Ort‘, an dem sich Katzen balgen.

Foto: zev

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Nele Hellmiß (22) leitet ihre Ausarbeitung mit einer Funktionsbeschreibung ein. Demnach dienen Straßennamen der Orientierung und der Erinnerung. Sie ebnen den Weg in die Vergangenheit, und sie geben Hinweise auf die Topografie. Die Autorin geht auf die gesetzlichen Grundlagen des Benennungsverfahrens ein und verweist auf die Zuständigkeit der Gemeinden. Der Rat der Stadt Zeven benennt folglich die Straßen und Wege im Stadtgebiet. In der Regel geschieht das auf Vorschlag der Verwaltung. Doch Vereine oder auch Privatpersonen können Namensvorschläge einreichen.

Im Jahr 1903 wurden in Zeven erstmals Straßennamen vergeben. Neue Wohngebiete und Straßenzüge entstanden. Aufgrund der wachsenden Größe der Stadt genügte die Nummerierung der Häuser nicht mehr, um eine Orientierung zu gewährleisten. Die Straßen brauchten Namen. Im Sprachgebrauch hatten sich bereits einzelne Straßennamen eingebürgert. Sie wurden ab 1903 nach Überprüfung offiziell übernommen. Später gingen die Stadtväter zu der Praxis über, die Straßen in neuen Wohngebieten jeweils einem Themenbereich zuzuordnen – beispielsweise Dichter-, Künstler, Baum- oder Vogelnamen zu verwenden.

Rund 280 Straßennamen

Nach einem Exkurs über die Stadtgeschichte wendet sich Nele Hellmiß dem Straßenverzeichnis Zevens zu und erläutert annähernd 30 der insgesamt rund 280 Straßennamen: Am Bahnhof – Im Jahr 1906 wurde Zeven an das Eisenbahnnetz angeschlossen. In dieser Straße befindet sich der Bahnhof, von dort aus fuhren Züge nach Rotenburg und Bremervörde. Heute wird die Strecke für Sonderfahrten von den Zevener Eisenbahnfreunden benutzt.

  • Am Bruch – Der Straßenname nimmt Bezug auf den angrenzenden Wald „Herrenbruch“. Das Substantiv Bruch bedeutet Sumpfland.

  • Am Markt – Im 12. Jahrhundert wurden Zeven viele Güter und Rechte, wie das Markt-, Münz- und Zollrecht, übertragen. Am Markt wurden Fleisch, Obst und Stoffe gehandelt.

  • Auf dem Quabben – Quabben impliziert eine sumpfige oder morastige Stelle.

  • Auf der Worth – Worth bedeutet erhöhte Siedlungsstelle. Tatsächlich ist die Gegend eine der ältesten Siedlungsflächen der Stadt. Auf einer Karte aus dem Jahr 1757 ist die Siedlung bereits verzeichnet.

  • Dr.-Otto-Straße – Diese Straße wurde nach Dr. Ferdinand Otto benannt. Er war von 1925 bis 1955 Chefarzt des Zevener Krankenhauses.

  • Gaußweg – Der Mathematiker Carl Friedrich Gauß (1777–1855) hielt sich 1824/25 in Zeven auf, um vom Kirchturm der St.-Viti-Kirche Messungen durchzuführen. Er übernachtete in der Zevener Posthalterei.

  • Gustav-Adolf-Straße – Diese Straße wurde nach Gustav II. Adolf (1594–1632), dem ehemaligen König von Schweden, benannt. Er zählte zu den wichtigsten Akteuren während des Dreißigjährigen Kriegs und fiel am 6. November 1632 in der Schlacht bei Lützen im heutigen Sachen-Anhalt im Kampf gegen die Truppen der katholischen Liga unter Wallenstein.

  • Hansastraße – Dieser Straßenname erinnert an den in der Weimarer Republik geplanten „Hansakanal“. Der Kanal sollte das Ruhrgebiet mit Hamburg verbinden. Geplant war, den Kanal nördlich an Zeven vorbeizuführen. Auch die Kanalstraße erinnert an diese Idee.

  • Hermann-Löns-Weg – Diese Straße wurde nach dem Schriftsteller Hermann Löns (1866–1914) benannt. Löns gilt als Heidedichter und Vordenker der Umweltbewegung. Der Weg bildet mit der Fritz-Reuter-Straße, Goethestraße, dem Wilhelm-Raabe-Weg und Hermann-Allmers-Weg eine Straßengruppe mit Schriftstellern und Dichtern.

  • Hoftohorn – Dieser Straßenname weist auf einen verschwunden Ort hin. Einer Legende zufolge soll sich dort bis 1500 ein Dorf namens Horne befunden haben.

  • Johann-Meyer-Steg – Dieser Pfad, der von der Lindenstraße zum Rathaus führt, ist kein offizieller Weg. Er wurde dem ehemaligen Ratsherren Johann Meyer gewidmet.

  • Kattrepel – Die Herkunft dieser Bezeichnung ist ungeklärt. Kattrepel bedeutet ‚abgelegener Ort‘, an dem sich Katzen balgen.

  • Klostergang – Dieser Weg führt zum Kloster, dessen Gründung auf das Jahr 1141 zurückgeht. Es wurde Vitus geweiht. Ihm zu Ehren gibt es auch den Vitus-Platz in Zeven.

  • Labesstraße – Diese Straße wurde nach Dr. Friedrich Wilhelm Labes benannt. Er war Jurist und stiftete der Stadt viel Geld, mit dem arme Familien unterstützt wurden.

  • Lange Straße – Die Straße trägt das Adjektiv lang, da diese Straße die Hauptgeschäftsstraße in Zeven darstellt. Sie war einst die Straße mit dem höchsten Verkehrsaufkommen in der Stadt.

  • Lindenstraße – Die Straße trägt ihren Namen, weil sie einst von Linden gesäumt war. Auf der östlichen Seite wuchsen die Linden einreihig und auf der westlichen Seite zweireihig.

  • Ludwig-Elsbett-Straße – Die Straße wurde zu Ehren des Ingenieurs und Erfinders des Elsbett-Motors benannt. Ludwig Elsbett (1913–2003) hatte maßgeblichen Anteil an der Entwicklung des Direkteinspritzverfahrens bei Dieselmotoren.

  • Meyerstraße – Diese Straße wurde zu Ehren Hinrich Jacob Meyers benannt. Meyer verbrachte viele Jahre in Amerika und gelangte dort zu Reichtum. Nach Rückkehr in seine Heimat spendete er in Zeven erhebliche Summen für gute Zwecke – unter anderem den Bau des ersten Krankenhauses.

  • Moordamm – Wie die Flurbezeichnung es verrät, trennt die Straße das Moor vom Weideland.

  • Mückenburg – Burg dient als Bezeichnung für ‚großer abgelegener Bauernhof‘. Tatsächlich gab es an der Mückenburg früher mehrere große Höfe. Die Tierhaltung zog Mücken an.

  • Poststraße – An dieser Straße wurde das erste Postgebäude Zevens erbaut. Die Posthalterei befand sich dort von 1811 bis 1895.

  • Richard-Wagner-Weg – Diese Straße bildet zusammen mit dem Beethovenweg und Mozartweg das Musikerviertel. Richard Wagner (1813–1883) war ein bekannter Komponist.

  • Rilke-Westhoff-Weg – Clara Rilke-Westhoff (1878–1954), die Ehefrau des Dichters Rainer Maria Rilke, verbrachte als Malerin und Bildhauerin viel Zeit in Worpswede, dem Künstlerdorf bei Tarmstedt. Dort lernte Rilke-Westhoff Paula Modersohn-Becker und Ottilie Reylaender kennen, auch ihnen wurde jeweils eine Straße in Zeven gewidmet.

  • Schulstraße – 1847 wurde an dieser Straße die Zevener Schule errichtet.

  • Tobias-Asser-Straße – Tobias Asser (1838–1913) war niederländischer Jurist. Er befasste sich mit internationalem Zivilrecht, dessen Vereinheitlichung er anstrebte. Er erhielt den Friedensnobelpreis für die von ihm verfassten Leitlinien zur Gesetzgebung. Von der Tobias-Asser-Straße zweigt die Hugo-Grotius-Straße ab. Grotius gilt als Begründer des Völkerrechts.

  • Zum Hochkamp – Viele Zevener Straßen tragen den Flurnamen Kamp. Beispiele hierfür sind Im neuen Kampe, Schäferkamp oder Zum Hochkamp. Kamp ist lateinischen Ursprungs und heißt ‚flaches, eingehegtes Feld. Tatsächlich befanden sich dort einst Weiden. Das Adjektiv hoch deutet auf eine erhöhte Lage.
Ein Portrait einer Zevenerin

Foto: Nele Hellmiß

Nele Hellmiß ist vor 22 Jahren in Zeven geboren.

2019 hat sie am St.-Viti-Gymnasium in Zeven das Abitur abgelegt.

Sie studiert an der Universität Vechta Deutsch und Sachkunde für das Grundschullehramt.

Die Arbeit hat sie im Deutschseminar „Namensforschung“ vorgelegt.

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