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Der Mord an den Kindern vom Bullenhuser Damm

Das Grauen von Auschwitz steht für die unvorstellbare Dimension der Verbrechen des Nationalsozialismus. Aber es ist eine norddeutsche Stadt, Hamburg, wo sich kurz vor dem Fall des Dritten Reichs die ganze Barbarei des Regimes und seiner Helfershelfer, die Abkehr von aller Menschlichkeit noch einmal wie komprimiert in einem einzelnen Geschehen zeigt. Im KZ Neuengamme werden seit Monaten 20 jüdische Kinder, zwischen fünf und zwölf Jahre alt, zu grausamen medizinischen Experimenten missbraucht. Als die Alliierten heranrücken, versuchen die Täter, das Verbrechen zu vertuschen. Am 20. April 1945, dem letzten Geburtstag Adolf Hitlers, weniger als drei Wochen vor Ende des Krieges, werden die Kinder in den Keller einer Schule am Bullenhuser Damm gebracht und von SS-Leuten an einem Haken an der Wand erhängt. Eines nach dem anderen.

Für die ermordeten Kinder wurde am Bullenhuser Damm ein Rosengarten angelegt.

Für die ermordeten Kinder wurde am Bullenhuser Damm ein Rosengarten angelegt.

Foto: Tim Albert

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1. Kapitel

Das Regime kennt keine Gande

Es gibt Geschichten, die kann man nicht erzählen. Weil es die Worte, mit denen man sie erzählen müsste, gar nicht gibt. Und doch muss man es versuchen, immer und immer wieder. Damit die Opfer nicht vergessen werden in einer Zeit, in der manche schon wieder nicht mehr wissen wollen, wohin Ausgrenzung und Hass letztlich führen. In einer Zeit, in der Menschen über andere Menschen wieder als „Viehzeug“ reden und von „unvermeidlichen Grausamkeiten“ schwadronieren, die es eben auszuhalten gelte. Dies ist eine Geschichte aus einer Zeit, weniger als ein Menschenalter her, als Menschen andere Menschen – kleine Kinder – wirklich so wie „Viehzeug“ behandelt haben. Und fähig zu einer Grausamkeit waren, die die menschliche Vorstellungskraft übersteigt. Es ist die Geschichte der Kinder vom Bullenhuser Damm.

Sie hat viel mit dem Ehrgeiz eines mittelmäßigen Mediziners zu tun, der es unbedingt zum Professor bringen will. Kurt Heißmeyer, Oberarzt in der Heilanstalt in Hohenlychen in der Uckermark, arbeitet im Jahr 1944 an einem – längst widerlegten und daher sinnlosen – Verfahren zur Impfung der Lunge gegen Tuberkulose und lässt sich dafür die Genehmigung für Versuche an Häftlingen im KZ Neuengamme bei Hamburg erteilen. Diese werden mit Tuberkulosebazillen infiziert, Heißmeyer beobachtet ein paar Wochen ihren sich stetig verschlechternden Zustand und erklärt dann die Versuche für beendet. Bei seinem nächsten Besuch in Neuengamme findet er „die frisch erhängten Versuchspersonen in der Leichenkammer fertig zur Sektion vorbereitet“, wie Günther Schwarberg in seinem Buch „Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ schreibt.

Grausame Experimente im KZ

Als die Versuche mit Erwachsenen nicht das gewünschte Ergebnis zeigen, fordert Heißmeyer Kinder an – im KZ Auschwitz-Birkenau, wo der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele selbst Hunderte jüdische Kinder bei medizinischen Experimenten zu Tode quält. Er ist es auch, der die zehn Mädchen und zehn Jungen aussucht, die Ende November 1944 per Zug nach Neuengamme gebracht werden.

Dort kümmern sich zwei niederländische Pfleger und zwei französische Ärzte liebevoll um die Kinder, die gemeinsam in einer Baracke untergebracht sind – zusammen mit Versuchstieren, Meerschweinchen. Heißmeyer wird später vor Gericht aussagen, er habe damals keinerlei Unterschied zwischen Versuchstieren, KZ-Häftlingen und jüdischen Kindern gesehen.

Umgehend beginnen die grausamen Experimente: Den Mädchen und Jungen werden Tuberkolose-Bakterien unter die Haut gespritzt und – in einer außerordentlich schmerzhaften Prozedur – in die Lunge injiziert. Später operiert man ihnen die Lymphknoten unter den Achselhöhlen heraus. Die Kinder, die beim Eintreffen in Neuengamme körperlich in relativ gutem Zustand sind, bekommen Husten und hohes Fieber, werden zunehmend schwächer. Ihr Schicksal bleibt, trotz strenger Abschottung, im Lager nicht verborgen. Inmitten des Grauens kommt es zu rührenden Szenen der Menschlichkeit: An Weihnachten 1944 bringen andere Häftlinge den Mädchen und Jungen Geschenke, Kleider und Holzspielzeug, eine Wiege mit einer Puppe, Brot mit Margarine und Marmelade. „Die hungernden Gefangenen, die so nahe am Tod waren, hatten sich alle noch etwas abgespart“, heißt es in Schwarbergs Buch.

Überlebende halten Erinnerung wach

Überlebende KZ-Häftlinge sind es später auch, die die Erinnerung an die Kinder wachhalten – und sich nach Kriegsende jeweils am Jahrestag der Ermordung am Schulgebäude am Bullenhuser Damm treffen. Es sind nur wenige, denn nur wenige haben überlebt. Weil das Nazi-Regime all seinen monströsen Verbrechen im Frühjahr 1945 noch ein weiteres hinzugefügt hat. Zu einem Zeitpunkt, an dem der Krieg längst verloren ist und die Alliierten unaufhaltsam vorrücken, versucht das Regime, seine Taten zu vertuschen. Konzentrationslager werden geräumt, Baracken, Gaskammern und Krematorien gesprengt. Und der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, erlässt den Befehl, kein KZ-Häftling dürfe lebend in die Hände der Alliierten fallen.

Wie in den zwölf Jahren zuvor fehlt es auch jetzt nicht an willigen oder willfährigen Helfershelfern. Sie treiben die Häftlinge auf Gewaltmärschen durch das verbliebene Reichsgebiet, deren einziger Zweck der Tod der Geschundenen ist. Von Neuengamme führen sie unter anderem nach Bergen-Belsen und Sandbostel. Als am 19. April der Befehl ergeht, das KZ endgültig zu räumen, werden die verbliebenen rund 9000 Häftlinge nach Lübeck und von dort auf drei Schiffe gebracht, darunter die „Cap Arcona“ und die „Thielbek“, die am 3. Mai 1945 nach Angriffen der britischen Luftwaffe sinken. Rund 6400 Häftlinge sterben an diesem Tag. Die Briten haben die Schiffe für deutsche Truppentransporter gehalten – genau dies dürfte auch das teuflische Kalkül der SS gewesen sein.

So sterben Hunderttausende noch in den letzten Wochen und Monaten des Krieges. Denn das Nazi-Regime kennt auch und gerade angesichts der bevorstehenden totalen Niederlage keine Gnade. Nicht einmal mit Kindern. Am 20. April kommt der Befehl aus Berlin, die „Abteilung Heißmeyer“ im KZ Neuengamme aufzulösen. Im Klartext: Die Kinder sollen in aller Heimlichkeit umgebracht werden, damit sie nicht als Zeugen über die ihnen angetanen Verbrechen berichten können.

Die Mordnacht am Bullenhuser Damm

Am Abend werden die 20 Mädchen und Jungen aus dem Schlaf gerissen. Man sagt ihnen, sie dürften zurück zu ihren Eltern. Dann werden sie – gemeinsam mit ihren Betreuern sowie mehreren sowjetischen Kriegsgefangenen – von SS-Leuten zur Schule am Bullenhuser Damm im ausgebombten Stadtteil Rothenburgsort gebracht, die als Außenlager des KZ Neuengamme genutzt wird.

Die Kinder ahnen nichts. Im Keller müssen sie eine Weile warten, dann sollen sie sich ausziehen. Dass er ihnen Morphium gespritzt habe, um sie in einen Dämmerzustand zu versetzen und so ihre Leiden zu mildern, rechnet sich der SS-Arzt Alfred Trzebinski später vor einem britischen Militärgericht als Verdienst an. Ob das stimmt oder es sich lediglich um eine Schutzbehauptung handelt, ist ungewiss. Klar ist: Alles, was über das Geschehen im Keller der Schule bekannt ist, beruht auf Aussagen der Täter. Alle anderen sterben in dieser Nacht. Die Betreuer der Kinder werden von den SS-Männern an Heizungsrohren erhängt, ebenso die sowjetischen Kriegsgefangenen.

„Er wird jetzt ins Bett gebracht“, sagt der SS-Unterscharführer Johann Frahm zu den übrigen Kindern, als er den ersten Jungen – den zwölfjährigen Georges-André Kohn – auf den Arm nimmt und in einen Nebenraum im Keller bringt. Dort hängt er den Jungen an einen Haken an der Wand und, als sich die Schlinge nicht zuzieht, sich selbst mit seinem ganzen Körpergewicht daran.
„Es wurde ihnen ein Strick um den Hals gelegt, und sie wurden dann an Haken wie Bilder an der Wand aufgehängt“, schildert Frahm später den Mord an den Kindern. Als alles vorbei ist, werden Kleidung und Gepäck der Jungen und Mädchen, ihr Spielzeug und einige Puppen in einen Kohleofen geworfen. Ihre Leichen, die ihrer vier Betreuer und der sowjetischen Kriegsgefangenen werden in der folgenden Nacht abgeholt und im Krematorium des KZ Neuengamme verbrannt.

Todesurteile gegen einige Täter

Aber die Kinder sind nicht vergessen. Befreite KZ-Häftlinge aus Neuengamme erinnern sich nach Kriegsende an sie – und auch an diejenigen, die sie am Abend des 20. April weggebracht haben. So kommt die Wahrheit über das Schicksal der Mädchen und Jungen ans Licht – und die juristische Aufarbeitung der Morde beginnt. Sie ist deshalb besonders abstoßend, weil die einst gnadenlosen „Herrenmenschen“, von denen sich viele gegenüber Häftlingen als besonders grausam gezeigt haben, nun vor Selbstmitleid nur so zerfließen und in den verschiedenen Prozessen jede persönliche Verantwortung für ihre Taten von sich weisen. Man habe ja nur Befehle befolgt, heißt es durch die Bank.

In den Hamburger Curio-Haus-Prozessen ergehen im Jahr 1946 Todesurteile gegen den früheren Kommandanten des KZ Neuengamme, Max Pauly, der den Befehl zur Ermordung der Kinder an seine Untergebenen weitergegeben hatte sowie gegen die direkt an der Tat beteiligten ehemaligen SS-Unterscharführer Willi Dreimann und Johann Frahm, die ehemaligen SS-Oberscharführer Adolf Speck und Ewald Jauch sowie gegen den KZ-Arzt Alfred Trzebinski. Am 8. Oktober 1946 werden die Mörder im Zuchthaus von Hameln hingerichtet – erhängt. Trzebinskis letzten Worte sind eine groteske Anmaßung: „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, ruft er. Ein Kindermörder gibt den Jesus von Nazareth.

Nicht unter den Verurteilten ist der frühere SS-Obersturmführer Arnold Strippel, der für alle Hamburger Außenlager des KZ Neuengamme – also auch das am Bullenhuser Damm – zuständig war. Er soll laut den Aussagen von Frahm, Jauch und Dreimann auf die Ausführung des Mordbefehls an den Kindern bestanden haben und direkt an der Tat beteiligt gewesen sein. Der Umgang mit ihm gilt manchen als symptomatisch für den Unwillen von Teilen der bundesdeutschen Justiz, die NS-Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

Strippel kann nach dem Krieg zunächst untertauchen, wird dann wegen anderer Verbrechen im KZ Buchenwald zu mehrfach lebenslanger Haft verurteilt, die in einem späteren Verfahren auf sechs Jahre reduziert wird – woraufhin Strippel rund 120.000 D-Mark Haftentschädigung erhält, von der er sich in Frankfurt/Main eine Eigentumswohnung kauft. Wegen der Kindermorde am Bullenhuser Damm wird er nie verurteilt – das entsprechende Verfahren wird im Jahr 1967 von einer spürbar unmotiviert ermittelnden Staatsanwaltschaft aus Mangel an Beweisen eingestellt. Der zuständige Hamburger Oberstaatsanwalt versteigt sich in einem Vermerk zu dem Urteil, die Tat an den Kindern sei zwar heimtückisch ausgeführt, aber nicht grausam gewesen. Denn ihnen sei „über die Vernichtung ihres Lebens hinaus kein weiteres Übel zugefügt worden, sie hatten insbesondere nicht lange seelisch oder körperlich zu leiden.“

Mediziner praktiziert weiter

Als die Angehörigen der Kinder im Jahr 1979 eine Wiederaufnahme des Verfahrens erreichen, dauert es vier Jahre, bis es zur Anklage gegen Strippel wegen Mordes kommt. Noch einmal drei Jahre später folgt die endgültige Einstellung des Verfahrens – wegen Verhandlungsunfähigkeit des nunmehr 74-jährigen Angeklagten. 41 Jahre sind seit der Tat vergangen. Strippel stirbt acht Jahre später, im Jahr 1994, als freier Mann.

Zum Weiterlesen

Günther Schwarberg: „Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“. Steidl Verlag, 2016, 18 Euro.
Iris Groschek, Kristina Vagt: „...dass Du weißt, was hier passiert ist“. Edition Temmen, 19.90 Euro.

Und Heißmeyer, der Mediziner, der die Kinder aus persönlichem Ehrgeiz für seine Versuche missbraucht hat? Der praktiziert noch bis Ende 1963 unbehelligt als Lungenarzt in Magdeburg. Erst dann wird er festgenommen und 1966 „wegen fortgesetzten Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ zu lebenslanger Haft verurteilt. In seinem Schlusswort vor Gericht sagt er, er könne zwanzig Jahre später „nicht das Reuegefühl aufbringen“, das „vielleicht von mir erwünscht und erwartet wird“ – und verweist darauf, dass er in seinem Leben als Mediziner insgesamt „mehr Kranken geholfen, als nicht geholfen zu haben“. Außerdem sei er der „Überzeugung, mit diesen Versuchen nichts Schlechtes gewollt und auch nichts Schlechtes getan zu haben, wenn das Konzentrationslager dabei ausgeklammert wird“. Ein Jahr später stirbt Heißmeyer im Gefängnis in Bautzen an einem Herzinfarkt.


Die Gedenkstätte am Bullenhuser Damm 92 in Hamburg-Rothenburgsort ist sonntags von 10 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Unter anderem finden sich in der Ausstellung ausführliche Informationen zu den Kindern, ihren Pflegern, den Tätern und der Tatnacht. Weitere Informationen gibt es bei der KZ-Gedenkstätte Neuengamme unter 040/428131500.

Ziel der „Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm“ ist es, das Andenken an die ermordeten Kinder zu bewahren. Dazu hat der Verein unter anderem eine Wanderausstellung speziell für Kinder und Jugendliche konzipiert, die von Schulen und öffentlichen Einrichtungen im In- und Ausland ausgeliehen werden kann. Weitere Informationen dazu gibt es hier.

Ein Gedenkstein im Rosengarten nahe der Schule am Bullenhuser Damm in Hamburg erinnert an die 20 Kinder – unter ihnen (von oben Mitte im Uhrzeigersinn) Eduard und Alexander Hornemann (ermordet im Alter von 12 und 8 Jahren), Georges-André Kohn (12), Mania Altmann (7), Jacqueline Morgenstern (12), Walter Jungleib (12), Sergio de Simone (7), Roman Witonska (6), Riwka Herszberg (6), Marek James (6), Ruchla Zlyberberg (8) und Eduard Reichenbaum (10). Außerdem starben Bluma Mekler (11), Lea Klygerman (7), Eleonora Witonska (5), Lelka Birnbaum (12), Surcis Goldinger (10 oder 11), Marek Steinbaum (6), Roman Zeller (12) und H. Wassermann (8), ein jüdisches Mädchen aus Polen, von dem heute nicht mehr als das Alter bekannt ist.

Ein Gedenkstein im Rosengarten nahe der Schule am Bullenhuser Damm in Hamburg erinnert an die 20 Kinder – unter ihnen (von oben Mitte im Uhrzeigersinn) Eduard und Alexander Hornemann (ermordet im Alter von 12 und 8 Jahren), Georges-André Kohn (12), Mania Altmann (7), Jacqueline Morgenstern (12), Walter Jungleib (12), Sergio de Simone (7), Roman Witonska (6), Riwka Herszberg (6), Marek James (6), Ruchla Zlyberberg (8) und Eduard Reichenbaum (10). Außerdem starben Bluma Mekler (11), Lea Klygerman (7), Eleonora Witonska (5), Lelka Birnbaum (12), Surcis Goldinger (10 oder 11), Marek Steinbaum (6), Roman Zeller (12) und H. Wassermann (8), ein jüdisches Mädchen aus Polen, von dem heute nicht mehr als das Alter bekannt ist.

Foto: KZ Neuengamme / Albert / Montage: Schnibbe

2. Kapitel

Mehr als 1,5 Millionen ermordete Kinder

Die erbarmungslose Grausamkeit gegenüber den Schwachen und Wehrlosen war nicht die Ausnahme, sie war das Wesen des Nazi-Regimes. Kleine Kinder wurden nicht etwa geschont, wie es jeder Rest von Humanität geboten hätte. Im Gegenteil: Sie waren es, die in Auschwitz und anderswo in der Regel als erste in die Gaskammern gebracht wurden. Gemeinsam mit anderen, die zu krank, zu schwach oder zu alt waren, um noch zu Sklavenarbeit im Dienste der selbsternannten „Herrenrasse“ fähig zu sein. Der Nationalsozialismus ist deshalb auch für den größten Kindermord in der Weltgeschichte verantwortlich: Allein 1,5 Millionen jüdische Kinder fielen ihm zum Opfer, hinzu kamen viele Tausend andere, deren Leben das Regime ebenfalls als wertlos erachtete – an vorderster Stelle Sinti und Roma sowie, im Rahmen des Euthanasieprogramms, Kinder mit Behinderungen.

Hinter der unfassbaren Zahl der Opfer verbergen sich ebenso viele herzzerreißende Einzelschicksale. Am bekanntesten ist das des jüdischen Mädchens Anne Frank, die im September 1944 nach Auschwitz deportiert wurde – und dort dem sofortigen Tod nur entging, weil sie kurz vor der Ankunft 15 Jahre alt geworden war. Alle Kinder aus ihrem Zug, die dieses Alter noch nicht erreicht hatten, kamen sofort in die Gaskammer. Anne Frank, die zur selben Zeit in Auschwitz war wie einige der Kinder vom Bullenhuser Damm, wurde später nach Bergen-Belsen gebracht und starb dort vermutlich im Februar 1945 an einer Krankheit. Ihr Tagebuch aus der Zeit vor der Verhaftung und Deputation wurde mehrfach verfilmt und gilt heute als Werk der Weltliteratur.

Weit weniger bekannt, aber nicht minder bewegend, ist der Abschiedsbrief, den die zwölfjährige Judith Wischnjatskaja aus dem heute in Weißrussland gelegenen Byten noch kurz vor ihrem Tod an ihren Vater schreiben konnte. „Lieber Vater“, heißt es darin: „Vor dem Tod nehme ich Abschied von Dir. Wir möchten so gerne leben, doch man lässt uns nicht, wir werden umkommen. Ich habe solche Angst vor diesem Tod, denn die kleinen Kinder werden lebend in die Grube geworfen. Auf Wiedersehen für immer. Ich küsse Dich inniglich. Deine J.“ Mit Grube waren vermutlich die Gräben für die Opfer von Massenerschießungen gemeint.

Die Ausstellung in der Gedenkstätte am Bullenhuser Damm.

Die Ausstellung in der Gedenkstätte am Bullenhuser Damm.

Foto: Tim Albert

3. Kapitel

Die Kinder und ihre Familien

An der Hauptverkehrsstraße eines Industriegebiets im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort liegt, eingezwängt zwischen zwei Gebrauchtwagenhändlern und versteckt hinter einem Holzzaun, ein Friedhof, der eigentlich gar kein Friedhof ist. Denn begraben ist hier, in dem Rosengarten, den Hamburger Schüler Anfang der achtziger Jahre in unmittelbarer Nähe zum alten Gebäude der Schule am Bullenhuser Damm angelegt haben, niemand. Doch wenn es der Sinn von Friedhöfen ist, der Trauer für Verstorbene einen Raum zu geben, dann wird dieser Ort seiner Bestimmung gerecht. Ganz besonders gilt das für jene kleine Gruppe von Menschen, die jedes Jahr einmal aus aller Welt hierher kommen, um sich gemeinsam an ihre Verwandten zu erinnern. An die Kinder vom Bullenhuser Damm.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die wenigen überlebenden Angehörigen der Kinder – Väter, Mütter, Geschwister, Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen – jahrzehntelang nichts von deren Schicksal geahnt. Dass sich das änderte, ist vor allem einem Mann zu verdanken: dem Bremer Journalisten Günther Schwarberg. Er recherchierte für den „Stern“ eine Artikelserie, die im Jahr 1979 (und später als Buch) erschien und die Geschichte der Kinder vom Bullenhuser Damm erstmals einer breiten Öffentlichkeit bekannt machte. Und er spürte, gemeinsam mit anderen, in den USA, in Israel, Frankreich, Kanada, Belgien und den Niederlanden nach und nach Verwandte der Kinder auf.

Ruchla Zylberberg war eines von ihnen, die Tochter eines Schumachers, die aus einem kleinen Ort an der Weichsel nach Auschwitz verschleppt wurde. Ihr Vater Nison (Nissim) hatte den Krieg überlebt und war dann nach Amerika ausgewandert. Er war sich sicher, dass Ruchla ebenso wie ihre kleine Schwester Esther und ihre Mutter Fajga in Auschwitz ermordet worden war. Aber Ruchla war nicht in Auschwitz umgekommen, sondern nach Hamburg gebracht worden. Dort starb sie am 20. April 1945 im Keller einer Schule am Bullenhuser Damm, gemeinsam mit 19 anderen Kindern, ihren vier Betreuern und 24 sowjetischen Kriegsgefangenen. Sie war acht Jahre alt.

Ihr Cousin Alexander Zylberberg ernnerte sich so an den Tag, als sein inzwischen verstorbener Onkel zum ersten Mal von den Umständen der Ermordung seiner kleinen Tochter erfuhr: „1986 kam mein Onkel Nissim mit seiner Frau Klara nach Hamburg, um am Internationalen Tribunal teilzunehmen. Mein Onkel saß während der Verhandlung neben mir. Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, wie seine Tochter Ruchla ermordet wurde. Dann sprach man vom Erhängen. Mein Onkel meinte, es nicht richtig verstanden zu haben und fragte nach: ,Was haben sie gemacht? Erhängt?‘ Dann weinte er still vor sich hin.“

„Meiner lieben Tochter Ruchla Zylberberg aus Zawichost, die mit acht Jahren getötet wurde“, steht auf der Stele, die heute im Rosengarten an das kleine blonde Mädchen erinnert. Stelen gibt es auch für Jacqueline Morgenstern und Georges-André Kohn (beide 12) aus Paris, Sergio de Simone (7) aus Neapel, Alexander (8) und Eduard Hornemann (12) aus Eindhoven und für alle anderen Kinder sowie ihre vier Betreuer – und man kann die Texte darauf nicht lesen, ohne dass einem die Augen feucht werden. „Marek Steinbaum – zur Erinnerung an meinen Bruder, der mit zehn Jahren Opfer der Nazis wurde.“ „Lea Kligermann – geboren 1937 in Ostrowiec, mit 8 Jahren ermordet. Vergesst sie nicht.“ „Mania Altmann aus Radom. 5 Jahre alt. Wir werden sie immer lieben.“ „Lelka Birnbaum. Ein jüdisches Mädchen aus Polen, 12 Jahre alt, ist hier gequält und getötet worden.“

An die ebenfalls ermordeten sowjetischen KZ-Häftlinge erinnert ein Denkmal am Eingang des Rosengartens. Und wenige Schritte entfernt, im Keller der ehemaligen Schule am Bullenhuser Damm, dem Ort der schrecklichen Ereignisse des 20. April 1945, ist eine Gedenkstätte entstanden. Eröffnet wurde sie im Jahr 1980 in privater Initiative durch die „Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm“, die Günter Schwarberg gemeinsam mit der Rechtsanwältin Barbara Hüsing, Angehörigen der Opfer und Hamburger Bürgern ein Jahr zuvor gegründet hatte. Heute ist die Gedenkstätte eine Außenstelle der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Wer einmal in der Gedenkstätte am Bullenhuser Damm war, der weiß, dass der Nationalsozialismus nicht nur ein ,Vogelschiss in der deutschen Geschichte‘ gewesen ist.

Die „Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm“ ist aber weiter aktiv. Rund hundert Mitglieder hat der Verein, der sich besonders dafür engagiert, deutschen Schülern die traurige Geschichte zu vermitteln und so einem Wiederaufflammen von Nationalsozialismus und Neofaschismus entgegenzuwirken. Zahlreiche Schulklassen besuchen die Gedenkstätte jedes Jahr oder sehen die Wanderausstellung, die der Verein konzipiert hat. Im Hamburger Stadtteil Schnelsen sind Straßen nach den Kindern benannt worden. Da gibt es eine Zylberbergstraße, einen Mania-Altmann-Weg, einen Sergio-de-Simone-Stieg – und den Wassermannpark, der nicht nach dem Wesen aus der Mythologie, sondern nach H. Wassermann benannt ist, einem Mädchen, von dem bis heute nicht mehr bekannt ist, als dass sie aus Polen stammte und im Alter von acht Jahren am Bullenhuser Damm sterben musste.

Tim Albert

Teamchef News und Produktion

Tim Albert, Jahrgang 1968, ist Teamchef News und Produktion der NORDSEE-ZEITUNG. Nach beruflichen Stationen im Süden, im Osten und in der Mitte Deutschlands ist der gebürtige Hesse im Jahr 2013 nach Bremerhaven gekommen. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die nationale und internationale Politik sowie die Digitalisierung (fast) aller Lebensbereiche.

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