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So wirkt sich die Flutkatastrophe vom Sommer auf Geestland aus

Wassermassen, Schlamm, zerstörte Straßen, kaputte Häuser – was Thorsten Krüger im Sommer bei einem Hilfseinsatz im Erft-Hochwassergebiet gesehen hat, berührt ihn noch immer. Schnell war dem Bürgermeister von Geestland klar, dass die Flutkatastrophe Konsequenzen für den Städtebau und die Klimaanpassung haben muss. Auch in Geestland.

Nach dem Unwetter in Rheinland-Pfalz/Ahrweiler: Anwohner und Ladeninhaber versuchen, ihre Häuser vom Schlamm zu befreien.

Um gegen Starkregenereignisse gewappnet zu sein, will Geestlands Bürgermeister Thorsten Krüger städtebaulich vorsorgen.

Foto: picture alliance/dpa

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Denn auch im Cuxland müsse man sich unter anderem gegen zunehmenden Starkregen infolge des Klimawandels wappnen. Allein in diesem Jahr habe man wegen vier solcher Ereignisse bereits große Probleme in Geestland gehabt, berichtet er. Ein Beispiel: In Höhe der Straße „Auf dem Priel“ in Langen treffen Regenwasserrohre mit einem Durchmesser von einem Meter auf Rohre, deren Durchmesser lediglich 60 Zentimeter beträgt. Diese sind laut Krüger vermutlich in den 70er/80er Jahren verlegt worden.

„Bei sehr starken Regenfällen, wie wir sie in diesem Jahr erlebt haben, hat sich das Wasser an dieser Stelle gestaut, ist durch die Schachtdeckel getreten und hat die Straße geflutet“, berichtet er. Dies sei natürlich kein Vergleich zu den Zuständen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Dennoch möchte Krüger für den Ernstfall vorsorgen. „Es ist wichtig, jetzt anzufangen, damit man später nicht hinterherläuft“, meint er.

Zentrale Stellschraube für die Kommunen seien dabei die Bebauungspläne, über die die Flächenversiegelung reguliert werden könne. Von Flächenversiegelung spricht man, wenn kein Niederschlag mehr in den Boden eindringen kann, weil beispielsweise Beton, Asphalt und Pflastersteine den Durchgang versperren.

Täglich werden riesige Flächen zu Bauland

Wie bedeutsam dieser Punkt ist, zeigen Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft. Laut diesem wird jeden Tag in Deutschland die Fläche von 90 Fußballfeldern zur Bebauung freigegeben. Bei Starkregen heiße das: Land unter. Denn wenn zu viel Fläche dichtgepflastert werde, gingen wertvolle Versickerungsflächen verloren.

Geestlands Bürgermeister Thorsten Krüger will städtebaulich vorsorgen.

Geestlands Bürgermeister Thorsten Krüger will städtebaulich vorsorgen.

Foto: David Farcas,info@davidfarcas.co

Die Entwicklung gehe auf den Privatgrundstücken weiter, weiß Krüger. Das reiche von komplett gepflasterten Flächen über Gartenwege bis hin zur Waschbetonplatte unter dem Blumenkübel. „Wir haben vor zwei Jahren einige unsere Ortschaften überfliegen lassen“, erzählt Krüger. „Dabei wurde mancherorts mehr Versiegelung festgestellt, als eigentlich erlaubt ist.“ Es solle aber niemand angeprangert werden. „Ich habe keine Lust, Schuldige zu suchen“, betont Krüger. Bürger und Stadt müssten gemeinsam an einer Lösung arbeiten. „Das kann nur eine Gemeinschaftsleistung sein.“

Schotterbeete unzulässig

So habe die Stadt Geestland beispielsweise bei dem Areal „Östlich Malerwinkel“ in Debstedt einen Bebauungsplan forciert, der besondere Festsetzungen in Bezug auf den Klimaschutz enthält. Unter anderem ist dort die Begrünung der Dächer geregelt: Die Dächer von Garagen, Carports und Nebenanlagen mit einer Dachfläche von mehr als zehn Quadratmetern müssen begrünt werden. Im gesamten Plangebiet müssen zudem die Dachflächen der Hauptgebäude mit Anlagen zur Gewinnung von Wärme oder Strom aus erneuerbaren Energien ausgestattet werden. Außerdem ist die Anlage von Kies- und Schotterbeeten dort unzulässig.

In Langen wiederum plant die Stadt, das Regenwasserleitungsnetz rund um die schon erwähnte Straße „Auf dem Priel“ aufzurüsten, weil es dort in der Vergangenheit wie erwähnt bereits zu Überschwemmungen gekommen ist. Durch den Einbau von unterirdischen Kästen, die das Fassungsvermögen der Leitungen vergrößern, habe das Regenwasser dann mehr Zeit, zu versickern. Das Kanalsystem werde dadurch entlastet. „Uns muss aber bewusst sein, dass wir nicht einfach das komplette Leitungsnetz in der gesamten Stadt austauschen können“, unterstreicht Krüger.

Als wichtig erachtet Krüger zudem den Bau eines Schöpfwerks in Weddewarden, das von den Gezeiten unabhängig ist. Hierdurch sei es möglich, überschüssiges Wasser auch bei hohen Wasserständen aus dem Grauwallkanal in die Weser abzuleiten. Für dieses Vorhaben seien jedoch auch Partner wie die Länder Niedersachsen und Bremen zuständig. Bei allen Maßnahmen ist es Krüger ein Anliegen, nicht einfach „drauflos zu stochern“, sondern mit System vorzugehen. Deshalb arbeite die Stadt zum Thema „Anpassung an Extremwetterereignisse“ an einem gemeinsamen Pilotprojekt mit der Technischen Universität Berlin.

Susanne van Veenendaal

Reporterin

Susanne van Veenendaal (Jahrgang 1975) ist in Bremerhaven geboren und im Cuxland aufgewachsen. In Berlin hat sie Politik, Psychologie und Erziehungswissenschaften studiert. Nach einem Volontariat bei der NORDSEE-ZEITUNG ging sie zum SONNTAGSjOURNAL. Dort gehört sie seit 2008 zum Team.

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