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Bremerhaven: Ideen gegen den Taxifahrermangel

Eigentlich gibt es in der Seestadt keinen Mangel an Taxen oder Fahrern, sagt Angela Grafelmann. Die 58-Jährige ist Taxiunternehmerin mit derzeit zwei Taxen im Einsatz. Viele Unternehmen könnten es sich kaum noch leisten, mehr Fahrer einzustellen. „Trotzdem könnte man mit einer besseren Organisation die Situation optimieren“, findet sie.

Auch Taxiuntenrehmen haben Personalmangel.

Auch Taxiuntenrehmen haben Personalmangel.

Foto: picture alliance/dpa

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Grafelmann, die seit 1986 im Taxigewerbe tätig ist, reagiert damit auf die Aussagen des Fachverbands Personenverkehr Bremerhaven, dass der Branche die Fahrer ausgingen. „Wir haben in Bremerhaven mittlerweile sonnabends nur noch 30 Taxen im Einsatz, obwohl eigentlich 50 bis 60 nötig wären“, hatte es dessen Vorsitzender Gustav Klitsch beschrieben. Diese Aussage bestätigt Grafelmann. „Allerdings haben wir zu anderen Zeiten, beispielsweise tagsüber werktags, ein Überangebot“, hat sie beobachtet.

„Haben Beförderungspflicht“

Die Zeiten, in denen viele Taxen gebraucht werden, sind ihrer Meinung nach bei den Fahrern unbeliebt. „Wir haben aber eine Betriebs- und Beförderungspflicht“, betont die 58-Jährige. Eine Lösung wäre es, mehr Taxifahrer einzustellen. Doch das rechne sich für viele Unternehmen nicht mehr. „Nehmen wir an, in den acht Stunden, in denen der Fahrer tätig ist, erwirtschaftet er 20 Euro die Stunde, also 160 Euro. Wenn ich Mindestlohn zahle, sind das für die Zeit etwa 80 Euro“, rechnet die Taxiunternehmerin vor. Zudem müsse sie Mehrwertsteuer, Einkommenssteuer, Gewerbesteuer, Dieselkosten, Versicherungen Verschleiß und Fahrzeuganschaffungen sowie die anteiligen Kosten für die Taxizentrale abziehen. „Wenn alles gut hinkommt, bleibt unter dem Strich kaum was übrig“, sagt Grafelmann. Und der Fahrer habe ja auch gesetzlichen Urlaubsanspruch, oder es gebe mal eine Krankschreibung. Aber in den wenigsten Fällen könnten 20 Euro pro Stunde unter der Woche erwirtschaftet werden. „Damit sich ein Fahrer rechnet, benötigt man pro Stunde eine Mindesteinnahme von 30 Euro“, sagt Grafelmann.

Angela Grafelmann (rechts) und Freya Raudszus sind erfahrene Taxifahrerinnen.

Angela Grafelmann (rechts) und Freya Raudszus sind erfahrene Taxifahrerinnen.

Foto: Bohn

Preiserhöhung nicht sinnvoll

Eine Erhöhung der Taxipreise hält sie für wenig zielführend, zumal diese in Bremerhaven erst vor zwei Jahren angehoben wurden. Zudem wurde ein Zuschlag für Nachtfahrten und Großraumtaxen eingeführt. Schon jetzt kostet eine Fahrt von der Alten Bürger nach Leherheide etwa 25 Euro. „Wenn die Preise weiter steigen, können sich das noch weniger Leute leisten. Das bedeutet, es gäbe weniger Fahrgäste und somit noch weniger Umsatz“, rechnet Grafelmann vor.

Helfen könnte ihrer Meinung nach eine Umorganisation: weniger Taxen zu den Überhangzeiten, dafür mehr zu den Stoßzeiten. „Und damit sich das rechnet, müssen auch die Unternehmer selber fahren“, regt sie an. Man könnte ja mit den Angestellten einen gerechten Dienstplan erarbeiten. Ideen, die Freya Raudszus nur unterstützen kann. Die 24-Jährige fährt derzeit bei Grafelmann, will sich aber im kommenden Jahr selbstständig machen. Ihr mache der Beruf einfach Spaß, und dann sei sie zudem ihr eigener Chef. Sie sieht durchaus die Probleme in der Branche, ist aber überzeugt, dass diese sich lösen lassen: „Doch dazu dürfen wir nicht gegeneinander arbeiten, sondern zusammen.“ Es dürfe beispielsweise nicht geschehen, dass sich einige nur die Rosinen herauspickten und vermeintlich „unbequeme“ Fahrten zu spät bedient würden. Helfen könnte beispielsweise, wenn die Zentrale mehr Befugnisse hätte, die Fahrten gerechter verteilen zu können. Und auch eine Art Taxi-Bereitschaft in schwachen Zeiten hält Raudszus für denkbar.

Dass jeder Taxifahrer irgendwann selbstständig arbeitet, glaubt die 24-Jährige allerdings nicht. „Das würde nicht funktionieren“, sagt sie. Zwar werde sie am Anfang alleine arbeiten, auf längere Sicht plane sie aber schon, Fahrer zu beschäftigen.

Appell an Zusammenhalt

Insgesamt sei die Lage nicht einfach, sagt die 24-Jährige. Trotzdem gehe sie optimistisch in die Zukunft. „Wenn wir Taxifahrer alle zusammenhalten, ist für jeden genug da“, ist sie überzeugt. Auch die Stadt könne die Taxifahrer unterstützen, ergänzt Grafelmann und denkt dabei an die grundsätzliche Benutzung aller Busspuren in der Stadt. Bisher sei nur eine freigegeben worden. „Aber wenn wir die Spuren benutzen dürften, kämen wir schneller voran und könnten auch mehr Fahrten schaffen“, sagt sie.

Für alle Fahrgäste, die Schwierigkeiten haben, über die Zentrale ein Taxi zu bekommen, haben Grafelmann und Raudszus einen Tipp: die kostenlose Taxi-App. „Die gibt es nämlich schon lange und funktioniert auch in Bremerhaven, aber leider ist diese vielen unbekannt. Die könnte auch die Telefonzentrale entlasten“, sagt Raudszus.

Christoph Bohn

stellv. Redaktionsleiter SONNTAGSjOURNAL

Christoph Bohn (Jahrgang 1968) ist in Bremerhaven geboren und im Cuxland aufgewachsen. Er hat in Bremen Wirtschaftswissenschaft und Politik studiert und ist Diplom-Ökonom. Nachdem er zweieinhalb Jahre als Controller beim Hanstadt Bremischen Hafenamt gearbeitet und nebenbei schon frei als  Journalist für die NORDSEE-ZEITUNG gearbeitet hatte, entschloss er sich zu einem Volontariat (1998-2000). Danach fing er als Redakteur beim SONNTAGSjOURNAL an (Schwerpunkte: Wirtschaft und Landkreis Cuxhaven).

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