Bremerhaven

Ein Tag im Leben eines Kreisliga-Schiedsrichters

„Jede Mannschaft hat eine gute Spielleitung und einen pünktlichen Schiedsrichter verdient“, sagt Hauke Kahrs. Auch ein Kreisligist. Wir haben den 37 Jahre alten Fußball-Schiedsrichter und seine Assistenten zu einem Spiel begleitet. Vom Treffen vor dem Spiel bis zur „dritten Halbzeit“ am Tresen.

Hauke Kahrs ermahnt einen Spieler der SG WDB.

Hauke Kahrs ermahnt einen Spieler der SG WDB.

Foto: Harneit

Fast 7000 Schiedsrichter pfeifen im Niedersächsischen Fußballverband (NFV), im Kreis Cuxhaven sind es 210. Drei davon haben wir zu einem Punktspiel in der Kreisliga begleitet. Drei Menschen, die ihr Hobby mit viel Leidenschaft ausüben, und für die die „Schiedsrichterei“ mehr ist, als 90 Minuten ein Spiel zu leiten. Hauke Kahrs, der sich selbst augenzwinkernd als „Laufwunder“ beschreibt, hat in 22 Jahren als Referee viel erlebt. Bei einem seiner ersten Spiele verteilte er so viele Verwarnungen, dass er jahrelang als „Der Kartenspieler aus Uthlede“ auf den Sportplätzen begrüßt wurde.

An diesem Tag ist er als Schiedsrichter in Sievern angesetzt. Der heimische TSV trifft auf die SG Wittstedt/Driftsethte/Bramstedt und kann mit einem Sieg einen großen Schritt Richtung Meisterschaft machen. Kahrs weiß um die Brisanz des Spiels und hat sich gut vorbereitet. Die Tabellenkonstellation, die Fairnesstabelle und die letzten Spiele hat er genau studiert.

Planung ist alles

Für den 37-Jährigen ist der Ablauf Routine, allein in dieser Saison hat er schon mehr als 80 Spiele geleitet oder als Schiedsrichterassistent an der Seitenlinie begleitet. Von Schiffdorf aus fährt er mit seiner Frau nach Hagen, um seinen Assistenten Christian Bohling abzuholen. Er weiß jetzt schon, dass er den Wagen auf dem Rückweg nicht lenken wird. Die „dritte Halbzeit“ am Tresen ist fest eingeplant. In Beverstedt steigt Uwe Louwes zu. Er assistiert Kahrs ebenfalls an der Linie. Seit 1994 besitzt der 53-Jährige den Schiedsrichterschein, wurde aber viele Jahre vom Verband nicht offiziell angesetzt, sondern sprang ein, wenn wieder mal „Not am Mann“ war. Er war bereits mit anderen ehrenamtlichen Aufgaben zu sehr eingebunden.

Assistent Uwe Louwes kontrolliert die Tornetze.

Assistent Uwe Louwes kontrolliert die Tornetze.

Foto: Harneit

In der Coronapause 2021 hat Louwes erneut einen Lehrgang besucht und wurde in diesem Jahr bei rund 20 Spielen angesetzt. Der passionierte Ehrenamtler pfeift für den JFV Biber, dessen 2. Vorsitzender er ist. Der Jugendförderverein brauchte dringend Schiedsrichter, um keine Strafgelder zu bezahlen. Und Louwes ging mit gutem Beispiel voran. Er ist genau wie seine heutigen Kollegen fußballverrückt – und alle drei sind auf den Plätzen der Region gut bekannt.

In Sievern ist bereits Stimmung. Vor der Kreisliga-Partie hat die dritte Mannschaft des Vereins gespielt, und diese feiert ausgelassen einen überraschenden Sieg. Ein vertäfelter kleiner Raum mit drei Stühlen und einem Tisch dient den Unparteiischen als Umkleidekabine. Es riecht nach Holz, Rasen und getragenen Fußballschuhen – es riecht nach Amateurfußball. Vor dem Raum wummert der Bass, und die Reservemannschaft singt so laut, dass eine normale Unterhaltung kaum möglich ist.

Erst wird nachgekreidet

Kahrs und seine zwei Begleiter inspizieren den Platz. Sie finden auf den ersten Blick gute Bedingungen vor. Beim näheren Hinsehen haben sie doch etwas zu bemängeln: Eine Außenlinie ist zu schwach gekreidet und kann vom Feld aus kaum gesehen werden. Hier muss nachgekreidet werden. Bei der Überprüfung der Tornetze fällt Louwes ein Loch auf. Auch hier muss der Heimverein schnell Abhilfe schaffen. Kurz sprechen die drei über die Partie, aber im Grunde ist die Vorbereitung immer gleich, egal wer spielt. „Jede Mannschaft, auch eine Ü32 oder ein Team aus der 3. Kreisklasse, hat eine gute Spielleitung und einen pünktlichen Schiedsrichter verdient“, betont Bohling.

Hauke Kahrs (Mitte), läuft mit seinen Assistenten Uwe Louwes (links) und Christian Bohling ein. Gleich ist Anpfiff in Sievern.

Hauke Kahrs (Mitte), läuft mit seinen Assistenten Uwe Louwes (links) und Christian Bohling ein. Gleich ist Anpfiff in Sievern.

Foto: Harneit

Zurück im kleinen Kabinenraum zieht sich das Gespann um. Heute wird im klassischen Schwarz gepfiffen. Während Louwes die Notizkarten mit Hilfe des Spielberichts beschriftet, schreiten Kahrs und Bohling zur „Passkontrolle“. Das Gespann wirkt harmonisch und eingespielt. Alle Spieler des TSV Sievern sind in der Kabine versammelt, Bohling ruft eine Rückennummer auf und der Spieler meldet sich mit Namen und Geburtsdatum. Dann geht es mit den Spielbällen in der Hand zum Platz, vorbei an der weiter feiernden Reserve. Die beiden Kapitäne stehen zur Seitenwahl bereit, Kahrs schnippt die Wählmarke, Bohling hebt diese wieder auf. „Ein Schiedsrichter verbeugt sich nicht vor den Spielern“, erklärt Kahrs knapp.

Ein ganz normales Spiel

Das Spiel verläuft ruhig. In der ersten Halbzeit gibt es kaum strittige Szenen. Ein Tor der Hausherren wird nicht gegeben, weil ein Foulspiel vorausgegangen ist. Bei einer kniffligen Abseitsszene liegt das Gespann richtig. Angst vor Fehlern haben die Unparteiischen nicht. „Wir sind alle nur Menschen. Schiedsrichter machen Fehler. Die Spieler und die Trainer machen Fehler. Und der Zuschauer macht auch Fehler, wenn er zum Sportplatz kommt, Bundesliga erwartet und sich ein Spiel der 3. Kreisklasse anguckt“, erklärt Kahrs in der Pause. Sie gehen die wenigen aufregenden Szenen kurz durch und bereiten sich auf die zweite Hälfte vor. Bevor es weitergeht, verteilt Bohling noch schnell eine halbe Dose Eisspray auf seinen Beinen. „Das macht er immer“, sagt Kahrs, gar nicht mehr irritiert von der kleinen Macke des Kollegen.

Jahrelange Erfahrung hilft

Im zweiten Durchgang wird es etwas hektischer, aber es bleibt fair. Sievern muss gewinnen, schafft es aber an diesem Tag nicht, den Ball im Tor unterzubringen. Das Gespann leitet die Partie souverän. Nur einmal muss Louwes einen aufgebrachten Zuschauer etwas in die Schranken weisen. Da hilft ihm seine jahrelange Erfahrung. Kurze Zeit später ist es wieder ruhig an der Seitenlinie. Die Partie endet torlos. Kahrs, Bohling und Louwes erhalten Lob für ihre unaufgeregte Spielleitung.

Nicht immer laufen die Begegnungen in den unteren Ligen so ruhig ab. Jeder Schiedsrichter hat auch schon unschöne Erfahrungen gemacht, „Mein schlimmstes Erlebnis war in Langendammsmoor. E war erst das zweite oder dritte Seniorenspiel, welches ich vor vielen Jahren als Jugendlicher pfiff, und ich wollte damals die gelernten Regeln ganz genau umsetzen. Das führte dann zu drei Platzverweisen. Heute würde ich davon nicht einen geben. Nach dem Spiel musste ich mich in der Kabine einschließen, da mir ein Spieler Schläge angedroht hatte und wütend versuchte, reinzukommen. Zum Glück ist nichts passiert. Der Spieler hat sich später auch entschuldigt“, erinnert sich Bohling.

Auch solche Situationen führen dazu, dass Nachwuchsschiedsrichter ihre Pfeife schnell wieder beiseitelegen oder erst gar nicht an einem Lehrgang teilnehmen.

Ein wichtiges Utensil: die Notizkarte.

Ein wichtiges Utensil: die Notizkarte.

Foto: privat

Im Jahr 2010 waren noch 11 624 Schiedsrichter im NFV aktiv, mittlerweile ist die Zahl auf unter 7000 gesunken. Kahrs hofft, dass sich wieder mehr jüngere Menschen finden, die dieses Hobby ausüben: „Meldet euch für einen Lehrgang an. Die Spieler, Funktionäre und Trainer beißen meistens nicht, auch wenn sie das oft wollen. Ihr müsst einfach keine Angst haben. Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit, so bin ich auch durchs Leben gekommen“, rät der 37-Jährige schmunzelnd.

Spielbericht und Klönschnack

Zufrieden kehrt das Gespann in die Kabine zurück. Nicht einen Dezibel leiser ist es davor geworden. Der erfahrene Fußballfan ahnt bereits, wie der weitere Abend verlaufen wird. Die Spieler der SG WDB belohnen sich für das Remis mit Kaltgetränken am Bierwagen, und auch die Sieverner finden dort schnell Trost. Für Kahrs, Bohling und Louwes ist jedoch noch nicht Feierabend. Während Louwes immer mehr alte Weggefährten aus seiner langen Fußballzeit begrüßen muss, sucht Bohling den Computerraum auf, um den Spielbericht auszufüllen. Zwischen Korn- und Bierkisten trägt der 38-Jährige alle Daten ein. So sind schon kurz nach dem Spiel die Ein- und Auswechslungen, eventuelle Tore, Verwarnungen und Feldverweise für jeden im Internet abrufbar. Kahrs wertet unterdessen die Laufdaten auf seiner Uhr aus. „6,5 Kilometer bin ich gelaufen. Ich bin eben ein ,Laufwunder‘“, bemerkt er stolz. Wie viele Kilometer im Trab oder Sprint zurückgelegt wurden, zeigt die Uhr allerdings nicht an.

Bohling steht mittlerweile im „Durstigen Dachs“, der Vereinskneipe an der Pipinsburg. Hier holt er die Spesen für das Gespann ab. Wegen des Geldes übt wohl kaum ein Schiedsrichter dieses Hobby aus. Der Schiedsrichter bekommt für dieses Kreisligaspiel 25 Euro, die beiden Assistenten 15 Euro. Dazu kommen 30 Cent pro Kilometer als Fahrtkostenpauschale.

Das Dreiergespann Kahrs, Bohling und Louwes hat keinen Druck mehr. Sie wollen weder hoch hinaus, noch müssen sie den Schiedsrichterbeobachtern oder Vereinsverantwortlichen etwas beweisen. Es sind andere Dinge, die für sie im Vordergrund stehen: der Spaß am Fußball, die Kontakte und Freundschaften, die ihnen ihr Hobby beschert hat und die sportliche Betätigung.

Assistent Christian Bohling füllt nach dem Spiel im Computerraum zwischen Bier- und Kornkisten den Spielbericht aus.

Assistent Christian Bohling füllt nach dem Spiel im Computerraum zwischen Bier- und Kornkisten den Spielbericht aus.

Foto: Harneit

Die im Übrigen nicht nur am Wochenende stattfindet. Oft pfeifen sie mehrere Spiele in der Woche.

Frisch geduscht mischen sie sich später unter die Spieler, Trainer und Anhänger. Man kennt sich, man mag sich. Auch wenn es im Spiel immer wieder mal knifflige Situationen zu lösen gibt, vereint hier alle die Liebe zum Fußball. Die Schiedsrichter dienen oft als Blitzableiter für den Frust der Amateurkicker. Doch wer sich für 25 Euro plus Fahrtgeld von 22 Hobbykickern viel anhören und ansehen muss, der darf auch mal im Spiel eine falsche Entscheidung treffen. Ohne Schiedsrichter geht es nicht.

Erst zu weit vorgerückter Stunde fährt Kahrs’ Frau an der Pipinsburg vor, um drei fröhliche Schiedsrichter nach Hause zu fahren. Die „dritte Halbzeit“ hat deutlich länger gedauert als die zwei Spielhälften auf dem Platz. Nur wenige Stunden später werden alle drei wieder auf einem Sportplatz im Kreis Cuxhaven stehen. So sieht wahre Leidenschaft aus.

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