Mit historischen Bildern zeigen Dirk J. Peters und Julia Kahleyß beim Stadtrundgang wie es früher in Geestemünde aussah. Foto Scheer
Mit historischen Bildern zeigen Dirk J. Peters und Julia Kahleyß beim Stadtrundgang wie es früher in Geestemünde aussah. Foto Scheer | Foto: Foto Scheer

Vom Hafen- zum Wohngebiet

Von Anja Kaiser

Geestemünde. „Das wusste ich noch nicht, obwohl ich hier schon so lange lebe.“ Nicht nur dieser Geestemünder ist verblüfft, dass dieAnlagen des Handels- und Holzhafens um 1860 zu den modernsten Deutschlands zählten. Rund 60 Wissbegierige folgten Dr. Julia Kahleyß und Dr. Dirk Peters beim Stadtrundgang durch Geestemünde. „Vom Hafen- und Gewerbegebiet zum Wohn- und Wissensquartier“ lautete der Titel des Streifzuges, den die NORDSEE-ZEITUNG mit der Leiterin des Stadtarchivs und dem Industriearchäologen organisiert hat.

Ob Neulinge oder Stammgäste der regelmäßigen Stadtrundgänge des Stadtarchivs – für alle gab es Neues zu entdecken. Denn Julia Kahleyß, Leiterin des Stadtarchivs und Dirk J. Peters, Industriearchäologe und Technikhistoriker wissen, wovon sie sprechen. Peters gilt als Werftenfachmann – nicht nur in Bremerhaven, wie er betont. Bis zu seinem Ruhestand vor drei Jahren leitete Peters die Abteilung „Schifffahrt im In-dustriezeitalter“ im DeutschenSchiffahrtsmuseum.

Egal, in welche Richtung die Besucher am Startpunkt des Rundgangs sich drehen und wenden, am Elbinger Platz gibt es vieles zu entdecken. Die große Verkehrsfläche mit dem Haus des Handwerks wurde in den sechziger Jahren gebaut. In dem Zuge wurde auch der Großteil des Querkanals vom Jachthafen bis zur Kanalstraße betoniert. „Früher konnten dort noch die Stämme vom Holzhafen in den Hauptkanal geflößt werden“, erzählt Kahleyß.

„Vor über 136 Jahren war das ganze Gebiet hier noch Geestendorf. Geestemünde befand sich damals nur in dem Gebiet Fähranleger und Berliner Platz. Nach und nach wuchsen die beiden Orte 1881 endgültig zusammen“, sagt die Leiterin des Stadtarchivs.

Der Stadtteilrundgang geht entlang der Kaistraße bis zur Spitze des Hauptkanals. Der Handelshafen und das Gebiet drumherum waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein starker Wirtschaftsfaktor für die Stadt. „Holz- und Ölhandel sowie die Fischerei wuchsen“, sagt der Industriearchäologe und Technikhistoriker: „Anfang 1860 zählten die Hafenanlagen hier zu den modernsten in ganz Deutschland.“

Die Lage und Infrastruktur mit dem ehemaligen Bahnhof boten

eine gute Grundlage als Industriestandort. „Der Bereich ist zum Freihafen erklärt worden, dadurch gab es viele steuerliche Vorteile“, sagt Kahleyß.

Auch der Schiffbau ließ sich nieder. „1886 hat Seebeck hier sein erstes Gelände am Wasser erhalten. Die Rickmers-Schiffe lagen am Hauptkanal und wurden dort aufgerüstet“, erzählt Peters.

„Heute ist der Handelshafen im Wandel“, sagt er: „Durch die vielen Neubauten geht die historische Silhouette allmählich verloren.“ Baulärm ist zu hören – so entstehen viele Wohnungsneubauten und auch das bereits ansässige „Alfred Wegener Institut“ soll hier noch erweitert werden.