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Sternstunde des Belcanto


Bremerhaven. „O Gioia!“ Ein letztes, strahlendes Sich-Aufbäumen, eine letzte triumphale Koloratur, ein letzter Schlag von orchestraler Wucht, ehern in den Raum gemeißelt – die Kurtisane bricht tot zusammen und frenetischer Jubel im Zuschauerraum los: Atemberaubendes Finale im Großen Haus des Bremerhavener Stadttheaters. Weihnachtspremière mit Giuseppe Verdis „La Traviata“ – eine Sternstunde. Von Susanne Schwan


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Vorbei, vorbei: Alfredos (Daniel Kim) Reue, das innige Liebesduett kommt zu spät, Violetta (Yitian Luan) stirbt.

Wer die auf Stadttheater-Bühnen selten gewordene hohe Gesangs-Kunst des Belcanto in Reinkultur erleben möchte, findet in Bremerhaven musikalische „Italianitá“ vom Feinsten, packende und berührende zweieinhalb Stunden große italienische Oper auf ganz großem musikalischen Atem.

Ein stimmlich erlesenes, ideal miteinander harmonierendes Protagonisten-Trio Violetta-Alfredo-Germont, mitreißende Chor-Szenen (Einstudierung Ilia Bilenko) und ein geradezu mozartisch transparentes, tänzerisch federndes, liedhaft begleitendes und mit Verve brillierendes Städtisches Orchester unter Leitung Stefan Veselkas. Der neue erste Kapellmeister des Stadttheaters lässt den Champagner – der in Kirsten Uttendorfs spartanisch konzentrierter statt opulent schwelgender Inszenierung fehlt – um so süffiger in instrumentalen Klangfarben glitzern und prickeln. Und findet feinste klangliche Nuancen, schon zu Beginn: Sphärisches Pianissimo-Streicherflirren schwebt wie vom anderen Stern über die barfüßig und einsam tanzende, taumelnde Violetta in rubinroter Robe. Ihr Kosmos: Ein karger, steriler Bühnenraum, ein schräges Podest inmitten – das „Serviertablett“, auf dem Violettas Leben und Sterben gnadenlos vorgeführt wird. Die voyeuristische Gesellschaft gafft durch eine überdimensionale Jalousie jegliche Intimität zuschanden. Heiko Mönnichs auf wenige Wände und einen auseinander klaffenden Himmel reduziertes Bühnenbild bar jedes Mobiliars – und bis auf flatternde Geldscheine und aufgespießte Sonnenblumen auch ohne Requisiten – wirft die Akteure ganz auf sich selbst, auf dichtes, unabgelenktes Spiel zurück.

Makellose Stimmen

Die psychologisch geradlinige Regie Uttendorfs setzt auf die Kraft der Charaktere, der Musik, der Stimmen. Die sind makellos und bis in jede kleinere Rolle klasse besetzt. Alle und alles überstrahlend: Violetta. Mit Yitian Luan ist eine Traumbesetzung geglückt.

Mit enormer physischer Präsenz, hochdramatischer Energie und absolut mühelosem, alle gemeingefährlichen Koloratur-Klippen virtuos und souverän meisternden, kupfern timbrierten Sopran reißt die 32-jährige Chinesin vom ersten Auftritt an vom Sitz. Das ist keine ätherisch dahinsiechende Schwindsüchtige. Luans Violetta trotzt dem Leben mit wütender Leidenschaft, ins subtilste Pianissimo verdichteten und zu leuchtendem Fortissimo aufblendenden Tönen den letzten Blutstropfen ab. Traumhaft die großen Duette Violetta-Alfredo: Daniel Kims edler, schmiegsamer wie auftrumpfender, parlando-leicht geführter Tenor verschmilzt vor allem im Mezzavoce ideal mit Luans perlenden Portamenti.

Spielt Kim den Naturburschen, fasziniert Walter Donati als Alfreds Vater Germont mit der Grandezza eines authentisch gealterten „gentiluomo“: Donati bietet Violettas Flehen in geschmeidig-elegantem, zu stählerner Härte und lupenreiner Höhe fähigen Kavaliersbariton Paroli, ein gnadenloser Zyniker hinter charmanter Attitüde – gebrochenem Zeh und Krücke zum Trotz.

Auf einen Blick

Was: Giuseppe Verdi „La Traviata“

Wo: Großes Haus des Stadttheaters Bremerhaven

Wann: Die nächsten Vorstellungen am 29. Dezember, 7., 15., 18., 21. Januar und 3. Februar

Karten: Von 14,60 bis 32,60 Euro unter 0471/49001

Artikel vom 27.12.11 - 07:00 Uhr
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