
Giftmorde, falsch dosierte Schlafmittel, ein fast versehentlicher Schlag auf den Hinterkopf – Krimipäpstin Ingrid Noll ist auch in ihrem neuen Werk „Ehrenwort“ wieder ganz in ihrem Element. Wie es ihre Fans bereits aus den Longsellern „Die Apothekerin“ (verfilmt mit Katja Riemann), „Die Häupter meiner Lieben“ oder „Der Hahn ist tot“ kennen, sind Täter und Mörder keine maskierten Finsterlinge, sondern eher die vermeintlich nette Dame von nebenan, Angehörige oder Pflegepersonal. Geschichten aus der Welt der grauen Mäuse.
Zwischen Unschuld und Kaltblütigkeit, guten Vorsätzen und bösen Absichten bewegen sich die Figuren der Erfolgsautorin, die am 29. September ihren 75. Geburtstag feiert. „Buchstaben waren immer meine Freunde und Zahlen meine Feinde“, sagt Noll, die als Gymnasiastin regelmäßig eine Fünf in Mathe kassierte.
Huch, schon wieder eine Leiche, möchte man ausrufen, so überraschend und fast nebenbei lässt Noll in ihren Büchern sterben. So auch im Fall Willy Knobel. Bevor der Alte, der sich gern in lateinischen Sentenzen ergeht, das Zeitliche segnet, müssen erst noch einige andere dran glauben. Petra, von Haushalt und Ehe leicht zermürbte Buchhändlerin, die sich zu regelmäßigen Schäferstündchen mit einem Kunden trifft, hätte den fast 90-Jährigen lieber heute als morgen wieder aus dem Haus. Ihre Idee „Tod durch zuviel Bohnerwachs auf der Holztreppe“ geht jedoch nicht auf, auch Haralds toxischer Einschlaftrunk für den eigenen Vater verfehlt sein Ziel.
Indessen erholt sich der Alte zusehends und kneift seinen wegen unergründlicher Frühsterblichkeit häufig wechselnden Pflegerinnen jovial in den Po. Der Leser hat seine Freude an dem täglichen Klein-Klein – und wenn Noll beschreibt, wie Petra und Harald bei einem Eherettungsversuch verkrampft auf dem Bett eines Wellnesshotels sitzen, ist sie wieder ganz nah bei ihren Lesern.
Das Schöne an ihren Büchern: Bei Noll darf man sich freuen, wenn jemand aus dem Fenster geschubst wird, man darf gemeinsam mit den Tätern hassen und die Mörder lieben.
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