Von einer „Infantilisierung“ unserer Gesellschaft, spricht die Literaturwissenschaftlerin Gundel Mattenklott von der Berliner Universität der Künste. Das eigentliche Kinderbuch bleibe dabei auf der Strecke, befürchtet die Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur (AKJ), Regina Pantos. Wo Erwachsenen vielleicht ein literarischer Ausflug in virtuelle Welten genüge, brauchten Kinder mehr als bloße Unterhaltung, findet sie. Anspruchsvolle Kinderbücher, die auf die reale Lebenswelt von Sechs- bis Elfjährigen eingehen, gebe es im Gegensatz zur boomenden Fantasy-Literatur immer weniger.
Aber warum liest ein Erwachsener Bücher, die in erster Linie märchenhafte Geschichten für ein jüngeres Publikum bieten? „Die zeitgenössische Literatur für Erwachsene ist oft sehr komplex und anspruchsvoll. Dann wendet man sich vielleicht auch ganz gerne solchen verständlicheren Büchern zu, die trotzdem ein gewisses literarisches Niveau haben“, meint Mattenklott.
Es sei allerdings bedenklich, wenn die Welt vielen Erwachsenen so schwierig erscheine, dass sie sich mit ihrer Lektüre in eine Fantasiewelt flüchten. Die Infantilisierung zeige sich zum Beispiel auch an der Tatsache, dass viele Erwachsene mit kleinen Teddybärchen und anderen Maskottchen an ihren Rucksäcken herumlaufen: „Da denkt man dann schon: Noch nicht so ganz erwachsen!“
Schmonzette pur
AKJ-Vorsitzende Pantos hält viele der „All-Age“-Fantasyromane für Nachfolger der früher beliebten Heftchen-Romane. „Wenn man die ,Bis(s)‘-Bücher anschaut – das ist Schmonzette pur“, sagt sie. Das Motiv einer Flucht in fantastische Parallelwelten sieht auch sie: „Man kann dort die großen Themen der Menschheit abhandeln, aber für das eigene Leben bleibt es völlig folgenlos – dafür ist auch der Kinofilm ,Avatar‘ ein Muster-Beispiel.“
Der „Potter“-Saga oder der „Tintenherz“-Trilogie komme das große Verdienst zu, dass sie Grenzen geöffnet hätten, sagt Renate Grubert von der Verlagsgruppe Random House – mehr Leser lesen mehr Bücher. So geschehen auch mit Markus Zusaks alles andere als oberflächlichem Werk „Die Bücherdiebin“.
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