
Wüste Beleidigungen, die Ohrfeige vor allen Kollegen, die Kiefer, die zu weit über den Zaun ragt, mit Eiern beworfene Rollläden – Willi Anft hat alles schon gesehen. Denn Willi Anft ist der Schiedsmann für die Stadt Langen und all ihre Ortschaften. Seine Aussage „Ich bin konflikterprobt“ nimmt man dem 62-Jährigen mit den schlohweißen Haaren, der kräftigen Statur und der tiefen Stimme sofort ab. Schließlich ist er tagsüber Vollzugsbeamter des Landkreises. Und abends, an Wochenenden und Feiertagen eben ehrenamtlicher Schiedsmann der Stadt Langen.
„Viele Menschen kennen dieses Amt gar nicht mehr“, weiß Anft und erklärt: „Ich schlichte Streitigkeiten, um die Gerichte zu entlasten.“ Diese Schlichtungsversuche sind mit rund 40 Euro kostengünstig, sparen Zeit und Nerven und da keine Partei „gewinnt“ oder „verliert“, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Frieden von Dauer ist. „Der geschlossene Vergleich ist auch 30 Jahre lang vollstreckbar“, erklärt Anft. Aber: „Nach Paragraf sowieso, Absatz sowieso – das gibt es bei mir nicht.“
Vor neun Jahren wurde Willi Anft einer von ihnen. Da hat man ihn für das Amt vorgeschlagen – ihn, das Debstedter Urgestein. „Ich bin hier geboren und nie raus gekommen“, scherzt er. Seit mehr als 20 Jahren leitet er den Seemannschor Debstedt, den örtlichen Schäferhundverein hat er vor mehr als 40 Jahren gegründet, in der Dorfgemeinschaft ist er schon lange aktiv. Eine Wahl hatte Willi Anft nicht: „Das Schiedsamt ist zwar ein Ehrenamt, aber eines, das man nur aus sehr guten Gründen ablehnen kann.“
Damals, im Mai 2001, wurde er bei seinem ersten Fall „ins eiskalte Wasser geschmissen“. „Das war gleich ein Verfahren mit zwölf Beteiligten“, stöhnt er. Nur einen einzigen Rat gab ihm sein Vorgänger mit auf den Weg: „Du musst einfach gesunden Menschenverstand walten lassen.“ Seitdem hat Anft natürlich dazugelernt, in der Praxis und bei Lehrgängen. Beim Bund deutscher Schiedsmänner schulen Richter die ehrenamtlichen Schlichter. Im September muss auch Anft wieder die Schulbank drücken. „Man muss ständig auf dem Laufenden bleiben“, sagt er.
Schließlich ist ein Schiedsmann einer langen Tradition verpflichtet. So trägt Anft seine Fälle handschriftlich in ein Protokollbuch, in das schon seine Vorgänger 1942 ihre Verfahren eintrugen. Drei bis zehn Anhörungen pro Jahr fügt Anft der langen Liste hinzu. Die vielen „Tür- und Angelfälle“, die Anft gleich vor Ort schlichten konnte, nicht mitgerechnet. Im Protokollbuch ist er auf Seite 68 von 100 angekommen. Noch viel Platz für Streit in Langen. Die streitlustigsten Dörfer will Anft dabei nicht verraten. Nur die friedlichsten: „Nach Neuenwalde oder Hymendorf musste ich als Schiedsmann noch keinen Fuß setzen.“

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