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Lintiger als Kronzeuge gegen Kik


Lintig. Ein schäbiges Büro irgendwo in Norddeutschland, Rauchschwaden vernebeln den Raum. In der Ecke sitzt ein dicker Mann, die Zigarre zwischen den Zähnen. „Sie wollen also bei uns anfangen?“, knurrt er. Guido Hagelstede aus Lintig wollte. Und blieb. Zehn Jahre. Lange genug, um den rasanten Aufstieg des Textildiscounters Kik mitzuerleben – und die Methoden, mit denen sich der Konzern ihn erkauft hat. Von Inga Hansen


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Mit günstigen Preisen wirbt der Textildiscounter Kik, wie hier in Bad Bederkesa. Die Mitarbeiter aber müssen dafür teuer bezahlen . Fotos ih

Heute ist Hagelstede der bekannteste Kik-Mitarbeiter. Oder besser Ex-Mitarbeiter. Der Mann aus dem Cuxland, der den Konzern Ende 2007 im Rechtsstreit verließ, hat als Erster aus der Führungsetage gewagt, sich mit dem Textil-Riesen anzulegen. In der ARD-Sendung Panorama und bei Maybrit Illner hat Hagelstede die Arbeitsbedingungen des Discounters angeprangert. So wie er sie bis 2007 erlebt hat. Filialen, die völlig unterbesetzt sind, Mitarbeiter, die für 4,25 Euro die Stunde alles machen müssen, vom Kassieren bis zum Kloputzen, die – als Aushilfen – keinen Lohn bekamen, wenn sie krank wurden, und die zu allem Überfluss auch noch ausspioniert wurden. Wenn sie in finanziellen Schwierigkeiten steckten, wurden sie gefeuert.

Es war Hagelstedes Job, das zu tun. Als Bezirksleiter für mehr als 15 Filialen in der Elbe-Weser-Region ist er eingestellt worden. Groß geworden im gehobenen Einzelhandel, musste sich der Textil-Betriebswirt an die Methoden des Discounters gewöhnen. „Frauen, die sich verzweifelt bemühen, finanziell ein Bein auf die Erde zu bekommen, einfach so hinauszuwerfen, ist schrecklich“, sagt er, „da flossen immer Tränen.“ Das Schlimmste für ihn: Den wahren Grund für die Entlassung durfte er nie nennen. Denn das Verfahren, überschuldete Mitarbeiter systematisch auszusieben, „abzubauen“, wie es in der Konzernsprache heißt, musste geheim bleiben. Weil es gegen das Recht verstößt, wie das Magazin Panorama recherchiert hat.

Hagelstede erinnert sich: „Ich musste mir immer irgendetwas aus den Fingern saugen. Das war furchtbar. Da waren Leute bei, die ich zwei, drei Wochen vorher noch in den Himmel gelobt hatte.“ Die finanziellen Verhältnisse eines jedes Mitarbeiters wurden über eine Anfrage bei der Creditreform ausgespäht, erzählt er. Und diejenigen, die hoch verschuldet waren, habe der Konzern sofort auf die Straße gesetzt.

Berge von Damenwäsche

Aus Angst, von seinen Billiglöhnern ausgeraubt zu werden. Wie groß diese Furcht war, hat Hagelstede gleich in seinen ersten Wochen bei Kik erlebt: Der Mann mit der Zigarre, damals Verkaufsleiter des Konzerns, hatte ihn nach Bremen bestellt, wo von einem Tag auf den anderen die komplette Besetzung einer Filiale entlassen wurde. Weil ein oder mehrere Mitarbeiter gestohlen hatten. Zusammen mit der hauseigenen Revisionsabteilung musste der Neuling die Wohnung einer Betroffenen durchstöbern, wo sie tatsächlich Berge von Damenwäsche fanden. „Ich kam mir vor, als wäre ich bei der Kripo“, sagt der 43-Jährige.

Das Misstrauen der Kik-Chefetage gegenüber den schlecht bezahlten Verkäuferinnen war riesig. Als Bezirksleiter musste Hagelstede den Mitarbeitern regelmäßig abends auflauern, um zu kontrollieren, ob sie nichts mitgehen lassen hatten. Peinlich sei das gewesen, sagt er heute, den armen Frauen, wenn sie abends um 9 endlich mit der Arbeit fertig gewesen seien, die Taschen zu durchwühlen. Nur ein einziges Mal hat er eine Diebin erwischt.

Es schüttelt den Lintiger, wenn er nur daran denkt. Heute arbeitet Hagelstede im Vertrieb einer Chemie-Firma, ist glücklich mit seinem Job. Auch wenn er weniger verdient. In den Einzelhandel, sagt Hagelstede, will er niemals wieder zurück. Dass der Textil-Riese Kik jetzt Besserung gelobt, helfe den Tausenden von Mitarbeitern, die schlecht behandelt wurden, auch nicht, sagt er.

Was Kik dazu sagt

Der Textil-Riese Kik, der europaweit in 2900 Filialen 18 000 Mitarbeiter beschäftigt und 1,4 Milliarden Euro Umsatz macht, gibt mündlich keine Auskunft. Schriftlich hat sich der angegriffene Konzern aber zu Wort gemeldet – und gelobt Besserung. Das Unternehmen sei in den vergangenen Jahren sehr schnell gewachsen, heißt es. „In der Wachstumsphase haben wir uns ganz auf unser Kerngeschäft konzentriert und sicher Fehler gemacht. Dies bedauern wir außerordentlich.“ Man habe aus der Vergangenheit gelernt und werde künftig anders agieren. Erster Schritt: Ein Geschäftsführer für Nachhaltigkeit und Unternehmenskommunikation wurde eingestellt.

Artikel vom 12.08.10 - 16:00 Uhr
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