
Heute ist Hagelstede der bekannteste Kik-Mitarbeiter. Oder besser Ex-Mitarbeiter. Der Mann aus dem Cuxland, der den Konzern Ende 2007 im Rechtsstreit verließ, hat als Erster aus der Führungsetage gewagt, sich mit dem Textil-Riesen anzulegen. In der ARD-Sendung Panorama und bei Maybrit Illner hat Hagelstede die Arbeitsbedingungen des Discounters angeprangert. So wie er sie bis 2007 erlebt hat. Filialen, die völlig unterbesetzt sind, Mitarbeiter, die für 4,25 Euro die Stunde alles machen müssen, vom Kassieren bis zum Kloputzen, die – als Aushilfen – keinen Lohn bekamen, wenn sie krank wurden, und die zu allem Überfluss auch noch ausspioniert wurden. Wenn sie in finanziellen Schwierigkeiten steckten, wurden sie gefeuert.
Es war Hagelstedes Job, das zu tun. Als Bezirksleiter für mehr als 15 Filialen in der Elbe-Weser-Region ist er eingestellt worden. Groß geworden im gehobenen Einzelhandel, musste sich der Textil-Betriebswirt an die Methoden des Discounters gewöhnen. „Frauen, die sich verzweifelt bemühen, finanziell ein Bein auf die Erde zu bekommen, einfach so hinauszuwerfen, ist schrecklich“, sagt er, „da flossen immer Tränen.“ Das Schlimmste für ihn: Den wahren Grund für die Entlassung durfte er nie nennen. Denn das Verfahren, überschuldete Mitarbeiter systematisch auszusieben, „abzubauen“, wie es in der Konzernsprache heißt, musste geheim bleiben. Weil es gegen das Recht verstößt, wie das Magazin Panorama recherchiert hat.
Hagelstede erinnert sich: „Ich musste mir immer irgendetwas aus den Fingern saugen. Das war furchtbar. Da waren Leute bei, die ich zwei, drei Wochen vorher noch in den Himmel gelobt hatte.“ Die finanziellen Verhältnisse eines jedes Mitarbeiters wurden über eine Anfrage bei der Creditreform ausgespäht, erzählt er. Und diejenigen, die hoch verschuldet waren, habe der Konzern sofort auf die Straße gesetzt.
Das Misstrauen der Kik-Chefetage gegenüber den schlecht bezahlten Verkäuferinnen war riesig. Als Bezirksleiter musste Hagelstede den Mitarbeitern regelmäßig abends auflauern, um zu kontrollieren, ob sie nichts mitgehen lassen hatten. Peinlich sei das gewesen, sagt er heute, den armen Frauen, wenn sie abends um 9 endlich mit der Arbeit fertig gewesen seien, die Taschen zu durchwühlen. Nur ein einziges Mal hat er eine Diebin erwischt.
Es schüttelt den Lintiger, wenn er nur daran denkt. Heute arbeitet Hagelstede im Vertrieb einer Chemie-Firma, ist glücklich mit seinem Job. Auch wenn er weniger verdient. In den Einzelhandel, sagt Hagelstede, will er niemals wieder zurück. Dass der Textil-Riese Kik jetzt Besserung gelobt, helfe den Tausenden von Mitarbeitern, die schlecht behandelt wurden, auch nicht, sagt er.
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