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Die Zeitbombe tickt wieder


Holssel. Wer im Nordkreis den Wasserhahn aufdreht, bekommt Trinkwasser in Spitzenqualität. Die Wasserwerker haben 200 Meter tiefe Brunnen gebohrt, um dem durch die Ausbringung von Gülle belasteteten Grundwasser aus den oberen Schichten auszuweichen. Doch die Zeitbombe tickt wieder. Schon in wenigen Jahrzehnten könnte das nitrathaltige Oberflächenwasser in die Tiefe gesickert sein. Von Inga Hansen


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Arbeiten daran, dass das Holßeler Trinkwasser seine Qualität behält: die Wasserversorger Lars Haidinger (links) und Matthias Rinas (rechts), Landwirt Henner Weyhe (2. von links) und Gutachter Dr. Udo Schmidt.

Das hat der Stader Geologe Dr. Udo Schmidt in einem Gutachten festgestellt. Im Auftrag des Wasserversorgungsverbandes Wesermünde-Nord hatte er untersucht, wie es künftig um das Grundwasser zwischen Hymendorfer See und Midlum stehen wird. Ergebnis: Wenn die Landwirte in dem Wasserschutzgebiet weiter intensiv wirtschaften und zudem angesichts des Biogas-Booms immer mehr Wiesen in Maisäcker umbrechen, könnte das Holßeler Trinkwasser schon 2070 mit mehr als 10 Milligramm Nitrat pro Liter belastet sein. Trotz der Tiefe, aus der das Grundwasser geholt wird. Weil das belastete Wasser von oben nachfließt, mächtig befördert durch einen sandigen Geestboden, der durchlässig ist.

Nun sind 10 Milligramm noch keine Katastrophe. 50 Milligramm Nitrat sind deutschlandweit im Trinkwasser erlaubt. Doch bei den Wasserwerkern schrillen die Alarmglocken. Schließlich haben sie erst vor gut zehn Jahren 200 Meter tief in die Erde gebohrt, um an sauberes Grundwasser heranzukommen.

Der Grund: Das Wasser, das zuvor aus 30, 40 Metern Tiefe gepumpt wurde, war mit Nitrat belastet, die Stickstoffwerte waren im Holßeler Wasserwerk während der 90er Jahre auf bis zu 40 Milligramm geklettert – eine Folge der Landwirtschaft, die in den letzten Jahrzehnten immer intensiver betrieben wurde. Nitrat kommt als Bestandteil von Dünger und Gülle in den Boden, was die Pflanze nicht aufnimmt, gelangt ins Grundwasser.

In Holßel versucht man gegenzusteuern. Wasserversorger, Landwirtschaftskammer und Bauern kooperieren dort, um die Belastung zu bremsen. Der Deal: Die Landwirte schonen freiwillig das Grundwasser, in dem sie weniger düngen und sogenannte Zwischenfrüchte anbauen, die den überschüssigen Stickstoff aufnehmen. Ihre Einkommensausfälle werden mit Prämien ausgeglichen. „Eine Zusammenarbeit, die ausgezeichnet klappt“, hebt Matthias Rinas, Geschäftsführer des Wasserversorgungsverbandes Wesermünde-Nord, ausdrücklich hervor.

Trotzdem macht er sich Sorgen. Denn weil das Holßeler Trinkwasser, das aus großer Tiefe geholt wird, jetzt völlig unbelastet ist, werden die Prämien gekappt, die das Land zum Ausgleich an die Bauern zahlt. „Ich fürchte, dass dann weniger für den Trinkwasserschutz getan wird“, so Rienas. Das Gutachten zeige, dass die Sicherheit durch die tiefen Brunnen trügerisch sei. Wenn man will, dass auch künftige Generationen sauberes Trinkwasser bekommen, müsse man mehr dafür tun und eben auch mehr Geld dafür ausgeben. „Wir haben hier nur diese eine Rinne“, betont er.

Nitrat

Nitrat ist eine Verbindung von Stickstoff und Sauerstoff, die für Pflanzen nahrhaft ist, dem Menschen aber schaden kann. Pflanzen brauchen den Stickstoff zum Aufbau von Eiweiß, deshalb wird gedüngt, um die Erträge zu steigern. Im Körper aber kann sich Nitrat in Nitrit und Nitrosamine umwandeln. Nitrit kann bei Säuglingen und Kleinkindern zu mangelnder Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff (Blausucht) führen, Nitrosamine können Krebs erzeugen. Allerdings ist Nitrat erst in höherer Konzentration gefährlich. Der Grenzwert fürs Trinkwasser liegt in Deutschland bei 50 Milligramm pro Liter. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon, dass ein Mensch bis zu 220 Milligramm Nitrat am Tag zu sich nehmen kann, ohne gefährdet zu sein.

Artikel vom 24.07.10 - 12:00 Uhr
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