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„Das bin ich meinen Eltern schuldig“

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) will mehr Menschen für das Fahrrad begeistern – auch auf dem Lande. Jörg Ratje aus Dorum hofft dabei nicht nur auf eine bessere Infrastruktur, sondern vor allem auf mehr Rücksichtnahme. Ratjes Eltern sind im vergangenen Jahr in Flögeln als Radfahrer bei einem Verkehrsunfall getötet worden. Von Venessa Brand

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Markus Ratje aus Dorum zeigt eine aufgerissene Stelle auf einem Radweg.

Ausgangspunkt Containerhafen. Jörg Ratje aus Dorum hat Feierabend und steht in voller Fahrrad-Montur vor dem Nordtor der Lloyd Werft. Jeden Nachmittag um die gleiche Zeit wartet er hier auf seinen Sohn Markus, um sich mit ihm auf eine Odyssee von Bremerhaven bis ins Wurster Land zu begeben.

Der Weg führt über schlecht befahrbare Abschnitte, die für den Schienenverkehr im Hafen genutzt werden, bis hin zu unwegsamen, von Schlaglöchern durchsiebten Teilstrecken auf dem Radwanderweg Richtung Dorum. Trotz der malerischen Aussicht auf das Hafenpanorama wird die Tour schnell zur Tortur.

Jeden Tag aufs Neue sehen sich Jörg Ratje und sein Sohn einem Kampf mit drängelnden Autofahrern ausgesetzt. „Auf unseren Trekkingrädern schaffen wir 30 km/h. Wir wollen keine Radfahrer oder Fußgänger auf dem links angelegten Radweg gefährden und weichen auf die Straße aus. Immer wieder versuchen Autofahrer, uns hier von der Straße zu hupen. Dabei ist der Abschnitt so breit“, sagt Markus Ratje.

Viel mehr beunruhigen den 19-Jährigen jedoch die alles überragenden Trucks, die sich wie riesige Ameisendrohnen ihren Weg durch das Hafengelände bahnen.

Jörg Ratje zeigt Verständnis für die Fahrer: „Die haben natürlich Zeitdruck, sind übermüdet und übersehen deshalb leicht schon mal einen Zebrastreifen.“

Ein unüberschaubarer Schilderwald tue da sein Übriges, um die Fahrt für alle zu erschweren. „Mal soll man wegen Straßenschäden vom Rad runter, dann plötzlich hört der Weg auf der rechten Seite auf, und man muss auf die linke Seite, um sich die Fahrbahn mit den Leuten aus der Gegenrichtung zu teilen. Das reinste Himmelfahrtskommando“, sagt Jörg Ratje und bedankt sich per Fingerzeig bei einem Bulli-Fahrer, der ihm die rechtmäßige Vorfahrt lässt.

Anspannung geht zurück

Nach dem Container-Terminal schwindet bei Vater und Sohn merklich ein Teil der Anspannung. Auf dem Deichverteidigungsweg beginnt der gemütliche Abschnitt. Die Straße ist breit und gut asphaltiert. Einzig die riesigen Mähmaschinen am Rande des Weges stören die Radfahrer-Routine.

„Die sind mir allerdings lieber als die Jungbullen, die hier im Herbst grasen. Die sind absolut unberechenbar. Und Kuhfladenfelder im Regen verwandeln die Fahrt schnell in einen Tretminen-Parcours“, sagt Jörg Ratje.

Weiter geht es durch Wremen. Innerhalb des Ortes fließt der Verkehr. Außerhalb sieht das schon anders aus. Der auch hier links angeordnete Radweg ist übersät von tiefen Furchen, die von den wuchernden Wurzeln der Bäume am Wegrand tief in den Asphalt gegraben wurden.

„Wer hier keine Federung am Fahrrad hat, ist schon verloren. Wenn dann noch die schlechte Beleuchtung dazu kommt, wird’s kriminell“, beschwert sich Ratje.

Nach elf Kilometern Buckelpiste und etlichen Ausweichmanövern erreichen die Vollblutradler ihren Zielort Dorum.

„Alles, was ich verlange ist Rücksichtnahme. Wenn die Straßen schon so schlecht sind, muss man doch um so mehr aufeinander aufpassen. Die Autofahrer in dieser Gegend sind zu aggressiv.“

Die Forderungen des 50-Jährigen haben auch einen tragischen Hintergrund: Vor sieben Monaten kamen seine Eltern auf der Kreisstraße 18 Richtung Flögeln nach einer Kollision mit einem Pkw ums Leben. „Meine Eltern waren mit dem Fahrrad unterwegs, wie so oft. Das Unbegreifliche ist, dass sie gerade an dieser Stelle umgekommen sind. Ein 200 Meter langer gerader Streckenabschnitt, eigentlich vollkommen überschaubar“, sagt Ratje und ringt dabei um Fassung.

Noch zwei Monate vor dem Unfall habe er sich an zwei verschiedene Polizeistationen gewandt, um auf die desaströsen Zustände der Radwege aufmerksam zu machen. Das Resultat: „Bis heute kam keine Rückmeldung, und bis heute frage ich mich jeden Tag, warum musste es meinen Eltern geschehen. Warum nicht mir?“

Jörg Ratje sähe es als seine Pflicht, auf die Missstände bei der Infrastruktur im Cuxland aufmerksam zu machen. „Das bin ich meinen Eltern schuldig, das bin ich meinem Sohn schuldig, der ein Recht darauf hat, von A nach B zu kommen, ohne um sein Leben fürchten zu müssen.“

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Markus Ratje aus Dorum zeigt eine aufgerissene Stelle auf einem Radweg.
Artikel vom 16.06.12 - 16:00 Uhr
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