
Ein Jahr später schickte Harald Meyer die ersten Jungtauben seiner eigenen Zucht auf die Reise. „Die Strecke betrug knapp 150 Kilometer“, erinnert er sich. Und dann war es da, dieses Gefühl von Spannung und Erwartung, das ihn von nun an nicht mehr loslassen sollte. Als Junge von 16 Jahren stand er damals im Garten und wartete auf die Rückkehr seiner Tauben. Gespannt sah er in den Himmel. Dann endlich kamen sie, eine nach der anderen und sie waren schnell. Schneller als die anderen. Im ersten Jahr seiner Taubenzüchterkarriere „erflogen“ seine Jungtauben den ersten Platz der Jungtiermeisterschaft 1965 des Taubenvereins „Ebbe und Flut“. Diese Urkunde hält er sehr in Ehren. Von diesem Tag an war er mit dem „Taubenvirus“ infiziert.
Auch in den nächsten Jahren haben seine Vögel ihm immer wieder Preise geholt. Er bekam Urkunden und Pokale als Auszeichnung für seine gute Pflege. Im Jahre 1971 lernte er seine jetzige Frau kennen und auch sie musste einsehen, dass immer zuerst die Tauben versorgt sein mussten. „Ohne das Verständnis und die Hilfe meiner Familie wäre das auch nicht gegangen“, bestätigt Meyer.
Für ein solches Hobby braucht man viel Zeit und Geduld. Um die Tauben gesund und stark zu erhalten, braucht es nicht nur gute Pflege und gesundes Futter, sondern auch von Zeit zu Zeit ein paar Tauben aus anderen Zuchtfamilien. So hat er immer wieder mit anderen Taubenzüchtern Tauben getauscht. Unter anderem mit seinem Cousin Werner Meier, der ebenfalls ein leidenschaftlicher Taubenzüchter ist.
Die Nachzucht aus diesen Tieren verhilft ihm im Jahre 1986 zum ersten Mal zur Meisterschaft in der Reisevereinigung Bremerhaven von 1926. Eine Reisevereinigung ist ein Zusammenschluss mehrerer Taubenvereine, so dass ein Sieg auf dieser Ebene noch mehr wiegt. Und zu der Zeit war das Berechnen der Taubenfluggeschwindigkeit noch wesentlich schwieriger als heute. Jeder Taube wurde ein nummerierter Gummiring am Bein befestigt, der abgenommen werden musste, sobald die Taube in ihren Schlag geflogen war.
Heute ist das alles viel einfacher. Die Tauben bekommen einen elektronischen Ring um ihr Bein. Vor dem Ausflug ihres Heimatschlags wird eine Antennenanlage angebracht und sobald die Taube über diese Antenne läuft wird sie elektronisch aufgezeichnet. So werden die Zeiten abgelesen, und die schnellste Taube kann ermittelt werden. An Spannung hat es aber nichts verloren. An schönen Sommertagen sitzt die ganze Familie im Garten, schaut in den Himmel und wartet auf die Heimkehr der Brieftauben.
Im vergangenen Jahr ist Meyer nun etwas ganz Besonderes geglückt. Er hat die Taube mit der Nummer 0821 gezüchtet, sie zwölf Mal auf die Reise geschickt und zwölf Mal einen Preis erflogen. Dieses Tier hat auf den insgesamt zwölf Flügen eine Strecke von 4623 Kilometern zurückgelegt. Diese besondere Leistung hat kein weiteres Tier, weder in der Reisevereinigung noch im Regionalverband, vollbracht. Die Freude darüber ist natürlich riesig und wird morgen auf dem diesjährigen Fest der Reisevereinigung Bremerhaven von 1926 gebührend gefeiert. Dabei werden auch alle anderen Preisträger geehrt. (swo)
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