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Hemmschwelle ist oft nicht zu überwinden


Dorum. Donnerstag ist ein guter Tag. Für all die, die jeden Euro fünf Mal umdrehen müssen. In einem Hinterhof in der Langen Straße stehen sie an, Rentnerinnen, Arbeitslose, Alleinerziehende, Ausländer, mit großen Tüten in der Hand. Sie warten auf ihren Großeinkauf. Bei der Tafel, die donnerstags in Dorum Lebensmittel an Bedürftige verteilt. Von Inga Hansen


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Dort, wo jeder jeden kennt, ist es vielen peinlich, zur Tafel zu gehen.

Drinnen packen die ehrenamtlichen Helfer Kisten voll. Äpfel, Kohlrabi, Möhren, Bananen, die nicht mehr ganz so strahlend aussehen wie in der Werbung, kleine Büchsen mit Sardinen und große Bottiche Creme fraîche, Brot, das älter ist als einen Tag, und fehlproduzierte Fischfilets, bei denen sich die Panade löst. Die Überflussgesellschaft spuckt ihre Reste aus. Lebensmittel, deren Verfallsdatum nicht überschritten ist, die aber aus den Regalen der Supermärkte verbannt werden und normalerweise im Müll landen.

700 Euro Rente

„Am meisten freue ich mich auf Brot.“ Die 71-Jährige, die mit ihrem Gehwagen vor der Tür steht, sagt es leise, so, als sollte es niemand hören. Sechs Kinder hat sie großgezogen, erzählt sie, seit ihr Mann gestorben ist, lebt die 71-Jährige von 700 Euro Rente. Die Hälfte davon geht schon für die Miete drauf. „Wenn die Tafel nicht wär‘, dann wär‘s ganz schwierig“, sagt sie.

Die Metalltür öffnet sich, es geht los. Drinnen nimmt Günter Weber die Berechtigungskarten entgegen und zwei Euro, die pro Tafel-Gang gezahlt werden müssen. Christa Friedrich, Petra Loss und Volker Bowe füllen mit flinken Händen die Tüten.

Seit vier Jahren gibt es die Lebensmittelausgabe in Dorum, eine gelungene Kooperation von Stadt und Land. Damals hat Dorums Bürgermeister Klaus Seier die Bremerhavener Tafel an die Küste geholt, jeden Donnerstag steuern Weber und Bowe jetzt einen gut gefüllten Kleinbus aus der Seestadt an die Küste. Aber Seier hat noch mehr getan: Er hat Friedrich und Loss als ehrenamtliche Helferinnen engagiert und weitere Lebensmittellieferanten wie Märkte und Gemüsehöfe in Land Wursten aufgetrieben.

Bürgermeister hilft

„Ich wollte helfen“, sagt der Unternehmer. Ein Erlebnis hat ihn dazu gebracht. Als er eines Tages die Jugendfreizeitstätte besuchte, sprach ihn eine 12-Jährige hilfesuchend an. „Sie hatte Hunger, sie hatte ganzen Tag noch nichts zu essen bekommen.“ Der Bürgermeister war entsetzt, fuhr mit ihr erst mal zum Bäcker. „Und abends habe ich mit meiner Frau überlegt, was wir tun können“, sagt Seier.

Armut spielt sich auf dem Land oft im Verborgenen ab. In der idyllischen Einfamilienhaus-Welt, in der jeder jeden kennt, ist es vielen peinlich zuzugeben, dass sie Hilfe benötigen. Das spiegelt sich in den Zahlen wider: 700 der rund 9500 Wurster bekommen Hartz IV oder Sozialhilfe, sie alle hätten Anspruch. Aber nur rund 150 haben sich den Berechtigungsschein geholt. „Viele“, sagt Seier, „genieren sich einfach.“

Das spürt man an diesem Mittag. So mancher sieht weg, wenn man sich nähert, seinen Namen mag niemand nennen, sich fotografieren lassen erst recht nicht. „Man muss sich überwinden, hierher zu gehen“, gesteht eine jüngere Frau, die mit ihrer Tochter in der Schlange steht. „Denn man hat das Gefühl, man bettelt.“

Die Tafel

Stichwort: Die Tafel

Bundesweit versorgen inzwischen 860 Lebensmitteltafeln mit über 2000 Ausgabestellen mehr als eine Million Menschen mit Essen. Die Lebensmittel stammen meist aus Supermärkten. Dort werden sie als nicht mehr verkäuflich aussortiert, weil sie kurz vor dem Verfallsdatum stehen.

Artikel vom 19.03.10 - 06:00 Uhr
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