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Wenn es kribbeln soll …

Sieben bis acht Milliarden Euro werden mit Sportwetten in Deutschland umgesetzt, jährlich. Besonders groß ist das Wettangebot im Internet – der digitale Markt boomt. Und trotzdem: Die klassischen Wettbüros halten sich. Allein in Bremerhaven gibt es zehn. Aber was macht sie so interessant? Auf der Suche nach dem Reiz von Wettbüros. Dominic Rahe

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Viele Bildschirme mit vielen Quoten: In Wettbüros können Spieler fast alle Sportereignisse tippen – egal, ob wichtig oder unwichtig. Foto ls

Die Sportwetten-Faszination hängt in Geestemünde quasi an der Wand. Nicht zu übersehen. 21 Bildschirme sind es in diesem Wettbüro. Sie projizieren das aktuelle Sportwelt-Geschehen auf 50-Zentimeter-Bilddiagonalen – manchmal bewegte Bilder, immer die Gewinnquoten. Wichtige und unwichtige Ereignisse gibt es nicht. Ob Fußball in Montenegro oder Cricket in Pakistan – für Spieler wird jede Partie interessant, sobald sie ihr Geld setzen.

So läuft das Wettspiel. Es geht um Geld und Emotionen. Viele Kunden wollen das Kribbeln durch den Rollentausch vom unbeteiligten zum mitfiebernden Zuschauer regelmäßig erleben. Sie kommen wieder. Gewettet wird daher immer, auch an einem Mittwochnachmittag. Die Büros in der Stadt öffnen gegen 10 Uhr.

„Von nichts kommt nichts“, sagt ein Stammgast, der sich an diesem Vormittag in dem Geestemünder Wettbüro mit vier Spielern um einen glänzenden Holztisch gesetzt hat. Sie rauchen und trinken Kaffee für einen Euro – ihre Wettscheine haben sie vor sich liegen, die Bildschirme immer im Blick. Sie warten auf neue Quoten, auf ihre Chance.

In Bremerhaven gibt es zehn Wettbüros. Aber längst nicht alle sind auch als solche im Gewerberegister geführt. „Manches sind Internetcafés“, sagt Manfred Adamczyk vom Ordnungsamt. Vor fünf Jahren öffneten die ersten. „Zuletzt sind wieder ein, zwei hinzugekommen“, meint Adamczyk. Erst seit wenigen Wochen gibt es an der Georgstraße ein zweites Wettbüro. Drei weitere haben sich an der Hafenstraße niedergelassen.

Geflucht wird überall. „Kann ja nicht angehen“, raunzt ein grauhaariger Mitfünfziger zum dritten Mal in einer Stunde und haut seine Faust auf die Tischplatte. Er ärgert sich über ein spätes Tor in Ungarn. VSC Debrecen gewinnt in letzter Minute gegen MTK Budapest – Tipp falsch, Geld weg. „Ich bin jung und brauche das Geld“, schiebt er mit einem Lachen hinterher. Er kennt keinen der Spieler beider Mannschaften. Egal. Es geht eher um die Wette als um den Sport.

Heute ist nicht sein Tag. Mehr als 100 Euro hat er verspielt. Morgen sitzt er trotzdem wieder am Tisch und verfolgt die Quoten auf den Bildschirmen. Viele, die hier sitzen, können nicht aufhören – und wetten täglich. Sie hoffen auf das große Geld, den einen Gewinn, den Tipp ihrer Träume.

Anders als die Wettanbieter im Internet zahlen fast alle Wettbüros in der Stadt ihre Sieger unmittelbar nach Spielende aus – in bar. Das ist der Vorsprung, den die Läden vor den digitalen Anbietern haben. Denn: Die meisten Spieler sind ungeduldig. „Wenn Spieler etwas nicht haben, dann ist es Zeit“, sagt der Inhaber eines Wettbüros in Geestemünde.

Wettanbieter im Netz verlangen für die Auszahlung des Gewinns eine Kopie des Personalausweises. Dann muss das Geld noch überwiesen werden. Das dauert zwar alles nicht länger als ein paar Tage, schreckt aber trotzdem viele ab. Sie wollen Bargeld, gleich nach Spielschluss.

Das wollen zwar nicht alle, aber genug, um als Wettbüro-Besitzer gutes Geld zu verdienen. Einer aus Bremerhaven verrät: „Es gibt vier Spielertypen: Den Zocker, der den Anbieter besiegen will. Den Sozialen, der hier Gesellschaft sucht. Den Verlorenen, der nichts anderes hat. Und den Typ, der sich für Sport interessiert und glaubt, mit seinem Wissen ein bisschen Geld verdienen zu können.“ Die Büros vermitteln zwar nur zwischen Spieler und Anbieter, trotzdem ist es ein lukratives Geschäft.

Und das läuft so: Jedes Wettbüro handelt mit dem Wettanbieter einen Vertrag aus. Darin ist geregelt, wie viel Prozent der Einsätze das Büro behalten darf und welcher Anteil der Gewinne aus eigener Kasse ausgezahlt werden muss. „Manches Büro in Bremerhaven hat dabei gezockt und ist böse auf die Nase gefallen“, sagt ein Büroinhaber, der die Wettszene in der Stadt gut kennt.

80 Prozent der Einsätze behalten zu dürfen, dafür aber dem Anbieter zuzusichern, dass man alle Gewinne aus der eigenen Kasse zahlt – das ist solch ein riskantes Vertragsmodell.

Die Zahl der hiesigen Wettbüros, in denen der Besitzer dem Gewinner wirklich vom Herzen zum Geld gratuliert, weil es direkt vom Anbieter kommt, ist eher gering.

Im Wettbüro in Geestemünde ist an diesem Mittwochabend um 23 Uhr Schluss – nach dem „Clàsico“, Real Madrid gegen Barcelona. Die Fünferrunde am Holztisch löst sich auf. Gewonnen hat keiner.

Sie zerreißen ihre Wettscheine, schieben die Stühle an den Tisch und gehen hinaus – vorbei an zwei 6000-Euro-Gewinnscheinen, die an der Wand neben der Tür kleben. Für die Spieler ist es nur eine Frage der Zeit, bis ihre Scheine dort auch hängen.

Schon morgen geht die Suche weiter – die Suche nach Geld und dem Kribbeln.

Artikel vom 07.05.11 - 16:00 Uhr
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