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Verheerende Flut kommt in der Nacht

Februar 1962. Sturmböen fegen seit Tagen über die Nordseeküste. Am 15. Februar dreht der Nordwind auf West und drückt große Wassermassen in die Deutsche Bucht. In der Nacht zum 17. Februar überschlagen sich dann die Ereignisse. Der Orkan tobt. Das Wasser peitscht über die Deichkronen. In Bremerhaven und an der Wurster Küste kämpfen die Menschen mit Sandsäcken an der Wasserfront, um die Deiche zu halten. Jürgen Rabbel

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Die Wellen brechen sich an der Kajenmauer . Gischt peitscht auf die andere Seite. Foto Böhme

Ein Schiff nach dem anderen sendet am 16. Februar SOS. Das Radioprogramm wird ständig durch neue Warnmeldungen unterbrochen. Erst wird vor einer Sturmflut, am Ende vor einer Orkanflut gewarnt. Alarmstimmung an der Küste. Alle neuralgischen Punkte am Deich zwischen Bremerhaven und Cuxhaven werden ständig kontrolliert. Polizei und Feuerwehr bereiten sich auf eine lange Nacht vor. Die Menschen hinter dem Deich auch. Manch einer überlegt, ob er hoch genug wohnt. „Wie weit könnte das Wasser steigen, wenn der Deich bricht“, schießt es vor 50 Jahren Elfriede Schmalstieg durch den Kopf, während sie gerade ihren knapp zweieinhalb Monate alten Sohn auf dem Arm hält. Damals wohnte die heute 86-Jährige mit ihrer Familie in der Schifferstraße in Mitte. Dritte Etage.

Dachziegel stürzen herunter

In der Stadt krachen überall Dachziegel herunter, im Landkreis werden die Bäume durch den Sturm hin und her geschaukelt, armdicke Äste stürzen auf die Straßen. NZ-Reporter Hein Carstens kann auf dem Weg zum Wremer Tief gerade noch einem Hindernis ausweichen. Ab 20.30 Uhr nimmt dann der Funkverkehr der Polizei in Bremerhaven rasant zu: „Feuerwehr muss kommen. Gebrauchen Gummistiefel, THW alarmiert“, lauten die kurzen Meldungen. Dann, um 21.22 Uhr, kommt die Meldung an den Streifenwagen „Neptun 17“: „Bohlen am Sturmflutsperrwerk gelöst.“ Anschließend sausen Hilfskräfte durch die Stadt, um den Schwachpunkt in der Durchfahrt neben den Stemmtoren zu sichern.

Inzwischen ist auch NZ-Reporterin Herma Wetzel unterwegs, um sich am Deich in Höhe des Wasserstandsanzeigers ein Bild von der Situation zu machen. „Der Sturm trieb Gischt über die Deichkrone. Im Dunkeln sah ich nicht, dass im Wegbelag ein Stück ausgewaschen war“, erzählt die heute 81-Jährige. „Ich fiel hin. Die Gischt ging über mich drüber. Patschnass rappelte ich mich auf. Ich hatte Angst.“

Kampf gegen das Wasser

22.54 Uhr. „Neptun 4“ meldet Deichbruch 200 Meter nördlich des Wasserstandsanzeigers. Fünf Minuten später werden die ersten Sandsäcke zur Schadenstelle beordert. Soldaten, THW und viele andere Helfer arbeiten gegen die heranrollende Flut, um den Deich vor einem endgültigen Bruch zu retten. Bodo Knorr, damals 20 Jahre alt, war mit dem Fahrrad zum Deich gefahren. „Ich war kaum angekommen, da rief ein Mann: ,Steh’ nicht herum. Pack mit an!‘ Das habe ich dann auch gemacht.“

Aber nicht nur in Bremerhaven kämpften Hunderte am Deich. In Land Wursten erreichte eine Hiobsbotschaft nach der anderen die provisorische Einsatzleitstelle in Wremen. An zig Stellen hatten Brecher den Boden aus dem Deich gerissen. Die Kutter in den Häfen am Wremer und Dorumer Tief waren ein Spielball des Orkans. Sie wurden an den Deich geworfen.

Um 2.45 Uhr heißt es dann im Funkprotokoll von Polizei und US Army: „Unmittelbare Gefahr vorüber. Die Masse der US-Soldaten abberufen.“ – Glück gehabt. Die Deiche konnten gehalten werden, und Bremerhaven blieb Dank des Sturmflutsperrwerks in der Geeste von einer Katastrophe verschont. Das wahre Ausmaß der Schäden wurde erst am Tag danach richtig deutlich. Der Einsatz am Deich war noch lange nicht beendet.

Hamburg hatte weniger Glück. Dort brachen an 60 Stellen die Deiche. Das Wasser überschwemmte nicht nur weite Teile des Stadtgebietes, sondern brachte auch den Tod für 315 Hamburger.


Auf einen Blick

Was? Vortrag: „16. und 17. Februar 1962. 50 Jahre nach der Sturmflut – Dramatische Tage in Bremerhaven.

Wer? Hinrich Gravert, ehemaliger Leiter des Hansestadt Bremischen Amts, berichtet aus eigener Anschauung sowie anhand historischer Quellen in Wort und Bild.

Wann? Donnerstag, 16. Februar, 19.30 Uhr.

Wo? Deutsches Schiffahrtsmuseum, Hans-Scharoun-Platz 1

Eintritt? frei

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Die Löcher im Deich zwischen Wasserstandsanzeiger und Strandhalle wurden am Tag nach der Flut mit Pfählen, Buschwerk und Sandsäcken provisorisch gesichert. Foto Lauterbach
Artikel vom 10.02.12 - 22:02 Uhr
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