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Soul und unkeusche Nächte


Bremerhaven. Von der Geeste bis ins tiefste Lehe: Diesen Trail haben Szenegänger in den 70er Jahren nur allzu gerne auf sich genommen. Livemusik-Kneipen, Tanzschuppen, Psychedelic-Höhlen, Discotheken und Absackerklubs: Von solch einer Vielfalt können Nachtbummler heute nur träumen. Von Rainer Donsbach


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Bretterverschlag und Glasbausteine: Von außen sah die „Atlantic“-Bar in der Fährstraße reichlich abgerockt aus. Drinnen standen regelmäßig richtig gute Livebands aus England auf der Bühne.

Wenn das junge Gemüse aus dem eher braven „Yogi’s Beatclub“ in der Tanzschule Beer Richtung Innenstadt strebte, konnte schon im „Stelldichein“ in der Claussenstraße der erste Stopp eingelegt werden. Dort war Ende der 60er, Anfang der 70er zwar noch im maritimen Look mit Fischernetzen und Positionslampen dekoriert. Auf dem Plattenteller lagen jedoch die heißesten Scheiben aus der blühenden Tamla-Motown- und Stax-Szene: Supremes, Temptations, Marvin Gaye, Isaac Hayes, Otis Redding, Wilson Pickett. „Lord have mercy“: Ein Geheimtipp für Soulfans, die sich dort leidenschaftlich schwindelig tanzten.

100 Meter weiter in der Borriesstraße gab es den Kellerclub „Quincy“, der später in „Texas Club“ umgetauft wurde. Dort waren gelegentlich auch Livebands zu Gast, die vor allem Funk und verschwitzte Tanzmusik drauf hatten. Zu den Gästen zählte auch Frank Teichgräber: „In den 70er Jahren war ich fast jede Nacht unterwegs“, erinnert er sich. Freunde treffen und bevorzugt handgemachte Mucke reinziehen im ,Quincy‘ oder der ,Atlantic-Bar‘. Dabei permanent die Hoffnung im Herzen, in weiblicher Begleitung eine möglichst unkeusche Nacht zu verleben.“

Wer die Geeste-Szene abgegrast hatte, konnte auch zu später Stunde noch in der „Haifischbar“ (später „Zero“) in der Grazer, Ecke Sonnenstraße landen. „An manchen Tagen war die Haifischbar bereits am Nachmittag rappelvoll, weil viele Schulen in direkter Nähe lagen. Die Dope-Dealer saßen gewohnheitsmäßig immer am gleichen Tisch, ganz hinten durch beim Notausgang.“

Wer noch auf Tanzen Lust hatte, zog weiter in die „Oase“, ein kleiner Club in der Körnerstraße, gleich um die Ecke vom „Chico’s Place“, wo mitunter auch amerikanische Deejays zugange waren und das Neueste aus den Staaten auflegten.

Der beste „Bumms“ der Stadt

Die Rickmersstraße bis zur Hafenstraße hinunter – schon landete man im „Blow Up“, das später zum „Kraftwerk“ wurde. Teichgräber: „Dank einer hammermäßigen Sound-Anlage gab es dort den technisch besten Bumms der Stadt auf die Ohren. Auch das Auge bekam Ungewohntes angeboten: Psychedelische Illuminationen und Zeichentrickfilme wurden auf die Wände projiziert. Auch Experimental-Filme eines regionalen Freundeskreises wurden wohl nur dort öffentlich präsentiert.“

Zum Absacken bot sich dann dort, wo man eigentlich nichts mehr vermutete, in der Langen Straße nämlich, ein Geheimtipp namens „Christania“ an. Betrieben wurde der Laden von der Land-Kommune Kransburg, die einigen Althippies sicher noch in Erinnerung ist. Später wurde das „Christania“ von den Brüdern Uwe und Hans-Jürgen Lammertz und einem Freak namens „Schulle“ übernommen.

Zu Hause im „Christania“

Frank Teichgräber erinnert sich noch genau daran: „Zwei lichtblinde Schaufenster zur Straße hin, drinnen das Ambiente einer rustikalen Blockhütte in unerforschter Wildnis. Mittendrin ein Bollerofen. Lange Theke, fünf oder sechs Tische, alte Sessel und Sofas, winzig kleine Bühne. Bilder eines längst vergessenen Kunstmalers (genannt Iwan) und Teppiche an den Wänden. Die Musik war hauptsächlich Progressiv-Rock vom Plattenteller und Endlos-Mixes von der Bandmaschine. Das alles war zu der Zeit mein Zuhause, mein privates Multiversum. Keine Sekunde möchte ich davon missen.“

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Erst „Quincy“, dann „Texas Club“: Der Kellerklub in der Borriesstraße zog vor allem Funk-Publikum.
Artikel vom 28.01.10 - 06:00 Uhr
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