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Saturday Night Fever in Fishtown

Bremerhaven. Das „Moustache“, die „Haifischbar“, für die Schlagerfuzzis das „Christopher of Bremen“: Die Wiege der Bremerhavener Discoszene lag rund um die Grazer Straße. 1968 kam hier zum ersten Mal der Soundtrack einer neuen Generation auf den Plattenteller. Rainer Donsbach

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Eine Szene aus den Anfangszeiten des „Moustache“ mit dem jungen Paul Steffens (rechts) und Barmann „Ziege“. Wenn der Fotograf weg war, ging es dort auch schon mal weniger gesittet zu. Foto Archiv

Von der „Alten Bürger“ war zu jener Zeit noch überhaupt nicht die Rede. Auch das „Wally“ an der Ecke Schleusenstraße war noch eine bürgerliche Kneipe. Allerdings mit Billardtisch und einigen Separees, was sie zunächst für ein paar Szenemusiker, später auch für deren Gefolgschaft zu einem Geheimtipp werden ließ. Wirt Wally machte kein Theater, wenn zum späten Bierchen auch mal ein Joint gerollt wurde und fand Gefallen am „Spannen“, wenn sich junge Pärchen in eine der Nischen zurückgezogen hatten.

Das Herz der Szene begann allerdings schon 1968 zu schlagen, als das „Moustache“ in der Sonnenstraße öffnete. Ein lang gezogener, schmaler Schlauch, übel beleumundet, aber mit einer magischen Anziehungskraft auf junge Leute. Paul Steffens war 21 Jahre alt, als er 1971 seine Schiffbauerlehre schmiss und zwei Jahre später den Laden übernahm.

Was im „Moustache“ gespielt wurde, unterschied sich grundlegend von all dem, was sonst so lief. Jethro Tull, Led Zeppelin, Zappa, Hendrix, Cream, Iron Butterfly, King Crimson. „Ich war eigentlich mehr Soul-Liebhaber“, erzählt Steffens, „aber richtig voll wurde es erst, als die progressiven Rocksachen gespielt wurden.“

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Jagdflugzeug im Foyer: Mit dem „Get Up“ wollten Steffens (rechts) und sein Partner Hermann Giesche (Mitte) ganz hoch hinaus. Es endete mit einer Bruchlandung (links Geschäftsführer Björn Schwamborn). Foto Archiv

Zu den Stammgästen zählten damals auch „die Jungs vom RD“, und jeder Kneipengänger wusste, was mit dieser Abkürzung gemeint war. RD gleich Rauschgiftdezernat, denn die legale Droge Alkohol lag hinter der illegalen Droge Haschisch in den Siebzigern abgeschlagen auf Platz zwei.

Um die Szene im Auge zu behalten, mussten die Beamten nicht weit fahren. Gleich nebenan lag die „Haifischbar“, die ab 1973 „Zero“ hieß. Deutlich größer als das „Moustache“, wobei die Hälfte des Raumes von einer nicht enden wollenden Theke eingenommen wurde – der angeblich längsten in Deutschland. Ganz am Ende gab es eine kleine Tanzfläche, über der psychdelische Blasen blubberten und wo mit dem Gesicht zur Wand getanzt wurde.

Um runterzukommen zog man hinüber in die „Bürger“ in Walter Engelhardts „Äquator“-Bar, wo es keinen Discjockey, aber eine Musikbox mit ausgesuchtem Inhalt gab. Ganz oben auf der Playlist der Gäste standen die ruhigen Sachen von Emerson, Lake and Palmer, Fleetwood Mac und Santana. Heute würde man so etwas „Chil-out-Zone“ nennen, auch wenn streitlustige Motorradrocker gelegentlich zum Aufmischen vorbeischauten. Mir haben sie dort die Nase gebrochen, aber das war natürlich kein Grund, nicht wieder hinzugehen.

Ältere Nachtschwärmer und gesetztere Jugend zog es mehr ins hausbackene „Christopher of Bremen“ im Tivoli-Komplex, was später unter Hermann Giesche als „Enterprise“ zu einem Leuchtfeuer in der boomenden Discothekenszene wurde. Paul Steffens hatte schon vorher den richtigen Riecher gehabt und gemeinsam mit Giesche im früheren „Deutschen Garten“ in der Hafenstraße das „Kraftwerk“ eröffnet. Zum ersten Mal wurde dort eine richtig amtliche Lichtanlage mit Lasern und allen Schikanen installiert. Und eine Musikanlage, wo die Bässe aus Betonboxen direkt auf die Magengrube zielten. „Die Musik war körperlich wahrnehmbar“, sagt Steffens, „das hatte vorher noch keiner so erlebt.“

Als die Decke einstürzte

Der Laden lief so bombig, das Steffens auch Livebands engagierte. Jennifer Rush war dort ebenso zu Gast wie Klaus Doldinger mit seiner Band Passport und Hermann Brood & Wild Romance. Dann der Schock: Kurz nach Mitternacht stürzte eine bewegliche Decke mit der tonnenschweren Lichtanlage auf die Tanzfläche. Wie durch ein Wunder gab es keine Toten. Wenig später kam die Kündigung, das „Kraftwerk“ wurde abgerissen.

Steffens holte unterdessen zu seiner größten Unternehmung aus und baute eine der Hallen gegenüber vom Zolltor Rotersand zum „Ballhaus“ um. So etwas hatte die Stadt noch nicht gesehen. Das bekam auch die Groß-Disco „Bahamas“ in Wulsdorf zu spüren, die sich den Markt bis dahin schadlos mit „Enterprise“ und „Kraftwerk“ geteilt hatte.

Wieder mit Giesche als Partner rüstete Steffens ein Jahr später noch einmal auf und machte aus dem „Ballhaus“ das „Get Up“. Mit der größten Lichtanlage, die die Stadt bis dato gesehen hatte und ausrangierten Jagdflugzeugen unter der Decke. Doch die Last der Kredite, die der erfolgsverwöhnte Unternehmer dafür aufgenommen hatte, war zu groß. 1994 ließ er sich auszahlen und zog sich zurück: „Das war das Ende meiner Discothekenlaufbahn.“ Wenig später übrigens auch das Ende des „Get Up“.

Heute sitzt der Mann, der mit dem Szenecafé „Blattlaus“ noch einen Volltreffer landete, ganz entspannt dort, wo alles begonnen: auf einem Barhocker im Nebenraum des ehemaligen „Moustache“, dem „Tusculum“. Bei Revival-Partys wird dort gelegentlich genau die Musik aufgelegt, die Steffens immer schon am liebsten gehört hat: Soul und Funk. Und der Laden ist voll.


Artikel vom 30.12.09 - 14:27 Uhr
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