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Rosen bergen die süßen Erinnerungen


Geestemünde. Viel mehr Süßes bewahrt sie auf, als auf den ersten Blick hinein passt: Doch keine Bonschen, keine Kekse enthüllt das Rosen-umrankte Gehäuse – kaum lüpft Irma Stange den Porzellandeckel ihrer Bonbonniere, tauchen daraus die schönsten, süßesten Momente aus Kindertagen auf. „Nichts liegt mir so am Herzen wie die Bonbonniere von Opa Hermann und Oma Meta“, sagt die 75-Jährige zärtlich. Von Susanne Schwan


„Meine Großeltern waren ganz besonders Liebe, ich hänge so an ihnen. Mein Opa war so herzensgut und lustig.“ Von ihrer Oma Meta Gerdes hat die kleine Irma Lilkendey nicht allzu viel gehabt, „sie starb Anfang der 40er an Krebs“. Seither hieß es in Geestemünde-Süd: „Kind, komm man bei Opa’n.“ Und auf Opa Hermanns Büfett wartete sie immer, die Schöne mit dem Goldknauf, randvoll mit Bonbons und Kuchen, aufs Naschkätzchen.

Das Blattgold-dekorierte Gefäß in verspielter Rokoko-Manier – der Stempel am Boden verrät die alte Porzellanmanufaktur Julius Edelstein aus dem bayerischen Ort Küps – gehört zu den liebsten Erinnerungen der Enkelin an das Haus ihrer Großeltern am Oberhamm, an der Pforte zum Fischereihafen, mit dem ihre Familie so vieles verbindet. „Auf diesem Foto“, breitet die einstige Karstadt-Verkäuferin ihre Album-Schätze auf dem Couchtisch aus, „steht die Bonbonniere auch schon, rechts auf dem Tisch, beim Kaffeeservice“. Der Deckel ragt hinter den feinen Kaffeetassen auf – auf jener nostalgischen Fotografie, die, so rechnet die Enkelin nach, „um 1938 entstand, als ich drei oder vier war.“

„Das war die Silberhochzeit meiner Großeltern. Meine Mutti“ – sie lehnt rechts am Kanapee – „hat erzählt, die Bonbonniere war ein Geschenk von Opas Betrieb zum Hochzeitstag.“ Bei der Nordstern-Reederei sei der Opa als Fischereimeister angestellt gewesen. „Das war’n büschen was. Da hatte man auch feines Porzellan zu Hause. Ich bin als Kind jeden Dienstag mit ihm mitgegangen zum Betrieb, wenn er die Netze abgeliefert hat, die meine Mutter zu Hause gestrickt hat.“ Zupacken konnten sie, die Gerdes-Frauen, „meine Oma Meta war Straßenbahnschaffnerin“.

Die Bombennacht 1944 musste sie nicht mehr miterleben. Doch nicht nur die Familie, auch die Bonbonniere überlebten das Inferno: „Mein Vater hatte sie schon vorher in Watte gepackt in den Keller gerettet.“ So vieles versank in jenem September in Trümmern – nicht aber die Häuser am Oberhamm. Die Rosen-Schöne stand über Jahrzehnte bei Mutter Meta Lilkendey in der Vitrine. „Seit sie vor fünf Jahren starb, bedeutet mir die Schale noch mehr.“ Heute ziert sie Irma Stanges Stube an der Helgoländer Straße. „Solange ich lebe, werd’ ich sie hüten wie meinen Augapfel.“


Artikel vom 10.03.10 - 14:00 Uhr
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