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Rocken in Schlips und Anzug


Bremerhaven. „A-wop-bop-a-loo-lop a-lop bam boo!“: Der Schlachtruf von Little Richard elektrisierte in den 60er Jahren auch die Bremerhavener Jugendlichen. Aus der Haut fuhren sie zum neuen Klang des Rock‘n‘Roll am liebsten bei „Seebeck am Markt“, einem zum Tanzpalast umgebauten ehemaligen Hotel am Leher Altmarkt. Von Rainer Donsbach


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Als Hotel Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet, wandelte sich „Seebeck am Markt“ zu einem bis heute legendären Rock‘n‘Roll-Tanztempel.

Rocken in Schlips und Anzug? Die Kleiderordnung war im Vergleich zu heute zwar konventionell, im Vergleich zu vorher aber ganz schön kess. Die Jungs, die sich mit Hilfe von Zuckerwasser eine Elvistolle mit „Entenschwanz“ frisierten. Die Mädchen, die die Petticoats bei mancher wilden Tanzfigur gerne mal hochfliegen ließen. Da standen der zumeist konservativen Elterngeneration auch ohne Zuckerwasser die Haare zu Berge.

Heute ist „Hein Wuppdi“, wie die Leher das Tanzlokal nach einem früheren Besitzer liebevoll nannten, für die Nachkriegsgeneration das Synonym für eine wild bewegte und unbeschwerte Jugend. Elvis Presley, Chuck Berry, Ricky Nelson, Bill Haley, Jerry Lee Lewis: Die Musik kam anfangs zwar meist vom Plattenteller. Doch dann standen auch immer häufiger deutsche Rock’n’Roller auf der Bühne.

Die Lords waren dort zu Gast, Rattles, Tornados und Tony Sheridan. Sogar Gene Vincent hat bei „Seebeck am Markt“ ein Gastspiel gegeben. Und Stefan Remmler, so geht die Sage, soll sich dort bei einem der legendären Sängerwettstreit-Wettbewerbe den ersten Gebrauchtwagen verdient haben.

Der damals größte Saal der Stadt bot aber auch den Rahmen für Faschings- und Kostümbälle, Modenschauen und Boxveranstaltungen. Vor dem Krieg war das Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete Gebäude vor allem als Hotel genutzt worden. Später ließ der rührige Betreiber Hinrich Seebeck den Saal voll verspiegeln und im Foyer Springbrunnen sprudeln.

1965 kaufte die Stadt das Saalgebäude, das immer schwieriger zu bewirtschaften war, und überließ es dem Abrissbagger. Das Haus war den Stadtplanern im Weg, weil sie die Hafenstraße bis zum Markt auf vier Spuren verbreitern wollten. Heute steht an der Stelle ein schlichter Wohnblock. Nur die Straße ist noch genauso schmal wie 1965.

Artikel vom 18.03.10 - 06:00 Uhr
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