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Politischer Salon mit Zapfhahn


Bremerhaven. Links an den Tischen saßen die Jungs von der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ), an der Theke die Jungsozialisten. Die Nachwuchsleute von DKP und SPD mussten sich irgendwie arrangieren, denn von ihrer Stammkneipe wollten beide Gruppen nicht lassen. Obwohl es dort verdammt eng zuging, denn auch die Jazz- und Folkszene hatte den „Keller“ in der Ulmenstraße für sich entdeckt. Von Rainer Donsbach


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Sieht ein wenig trübsinnig aus, war es aber nicht: Aufmerksame „Keller“-Gäste bei einer Lesung der Schriftstellerin und Vizepräsidentin des P.E.N., Ingeborg Drewitz (hinten). Foto pr

Während in den meisten Jugendkneipen Anfang der 70er Jahre die neue Rockmusik den Takt vorgab, lief im Keller ein ganz anderer Soundtrack. Skiffle und Oldtime-Jazz, alles schön zum Mitwippen, nicht zum Ausflippen. Dafür wurde dort erheblich mehr gequatscht als anderswo. Über Gott und die Welt, vor allem aber über Politik.

Herbert und Jutta Wessels hatten das kleine Kellerlokal unterhalb des Plesse-Ecks zu einem Anlaufpunkt für die linksintellektuelle Szene gemacht. Nirgendwo sonst wurde so engagiert und streitlustig das Tagesgeschehen durchgehechelt. „Eine Quasselkneipe“, erinnert sich Karl-Heinz Michen, der damals zu den Stammgästen gehörte.

Viele von denen hatten in der Anfangsphase selbst mit angepackt, um aus der Vorgängerkneipe „Herz Bube“ – einer baulich total heruntergewirtschafteten Schwulenkneipe – wieder eine passable Wirtschaft zu machen. „Die Wand gleich rechts von der Treppe hab ich saniert“, sagt Michen. Andere hatten die sechs Quadratmeter große Bühne und die Sitzecken gezimmert und die Wand dahinter nach dem Vorbild der Hamburger Fabrik mit Veranstaltungsplakaten tapeziert.

Dort griff Wessels – zu jener Zeit Lokalredakteur der NORDSEE-ZEITUNG und später auch Leiter der Bremerhaven-Redaktion – auch selbst gerne mal zur Posaune. Mit den New Orleans Feetwarmers, zum Beispiel, und den Bremer Jazzmusikanten. Das sprach sich schnell herum. Auch bei gleichgestrickten Bands aus der Stadt und dem weiteren Umfeld. Sie kamen gerne zu einem Konzert in den „Keller“, obwohl dort nicht viel zu verdienen war.

Auch Liedermacher wie der Gitarrist Werner Lämmerhirt und die Folk- und Cajun-Band The Clou passten in dieses Bild. „Wenn man mal zum Klo wollte“, so Michen, „musste man den Moment abpassen, wo der Posaunist den Bügel heranzog, um sich um Band und Bühne herumquetschen zu können.“

Doch die Musik war längst nicht alles, was den abseits aller sonstigen Kneipenherrlichkeit gelegenen „Keller“ zu etwas ganz Besonderem im Nachtleben der 70er Jahre machte. Die Stammgäste kümmerten sich nämlich nicht nur um die Renovierung, sondern auch um das Programm. Jürgen Büsselberg, zum Beispiel, hob dort einen Filmclub aus der Taufe, der zum Vorbild für das Koki wurde. „Hitchcock- und Truffaut-Klassiker wurden dort gezeigt, mit ratterndem Projektor mitten im Publikum, und anschließend von allen analysiert“, erinnert sich Stammgast Uwe Mögling. „Aber auch politische Filme, die in den kommerziellen Kinos nie zu sehen waren.“

Im Publikum saßen auch Künstler aus dem Stadttheater, Kurt Müller-Reitzner und Horst Kroll zum Beispiel, die den „Keller“ mit szenischen Lesungen zu einer Zweigstelle des Musentempels am Theodor-Heuss-Platz machten. Der späteren Kulturbeauftragten der Volkshochschule, Christa Fürst, gelang es sogar, literarische Hochkaräter wie Ingeborg Drewitz für Lesungen zu gewinnen.

Flipper und Stiefeltrinken

Doch so kopflastig, wie das alles klingst, war es letzten Endes doch nicht. Endlose Runden am Flipper gehörten ebenso zum Standardprogramm, wie das Stiefeltrinken zu Nikolaus und das „Melken“ der Musikbox, die von Schobert und Black bis zu den Insterburgs und dem „Baggerloch-Blues“ allerlei skurriles Zeug enthielt. Und wenn im „Keller“ der Bierhahn zugedreht wurde, ging es so manche Nacht noch weiter in die nahegelegene Afri-Bar. Nicht um sich von den dort arbeitenden Girls animieren zu lassen, sondern weil im verschlafenen Geestemünde sonst nirgendwo mehr was zu Trinken zu bekommen war.

Die achtziger Jahre hat der „Keller“ nicht mehr erlebt. Die Nachfolger sorgten zwar noch für einen radikalen Szenewechsel und machten daraus eine Heavy-Metal-Kneipe. Doch nach einem halben Jahr war auch dort die Luft raus. Der „Keller“ wurde geschlossen und blieb es auch. Bis heute.

In der nächsten Woche:

Jenseits von „Wally“: Die Szene in der Schleusenstraße


Artikel vom 18.06.10 - 17:00 Uhr
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