
Genau das war es auch, was die Anziehungskraft des „Blinkturms“ ausmachte und seinen Ruf bis nach New York trug. Zu den treuesten Stammgästen zählten die Seeleute. „Kaum dass sie im Hafen waren, riefen die bei uns an und baten uns, ihnen eine Taxe zum Schiff zu schicken“, lacht Maria Dreimann. „Das war dann so die Haltung: ,Hey, was kostet die Welt?‘“
Mit den Dollars der Amerikaner war sie durchaus erschwinglich. Deutsche Seefahrer hauten im „Blinkturm“ aber mitunter dermaßen auf dem Putz, dass sie am Schluss nichts mehr in den Taschen hatten. Doch der damalige Chef Ewald Raedisch war für sein weiches Herz bekannt. Wer nichts mehr auf der Naht hatte, konnte auch nach der nächsten Reise bezahlen. Manch einer kriegte sogar noch 100 Mark mit, um die Zeit bis zum Auslaufen zu überbrücken.
„Schlechte Erfahrungen haben wir damit eigentlich nie gemacht“, sagt Irma Cuda, die von 1959 bis 1973 in der Bar arbeitete. „Die kamen alle mit dem Geld wieder.“
Anfangs hatte der „Blinkturm“ rund um die Uhr geöffnet und die Mitarbeiter arbeiteten im Schichtbetrieb. „Wenn morgens die Putzfrauen kamen, mussten die Gäste nur mal kurz zusammenrücken, und dann ging es weiter.“ Als die Sperrstunde eingeführt wurde, und die Bar wohl oder übel für ein paar Stunden schließen musste, hatte man ein Problem. „Es gab keinen Schlüssel für die Tür“, können sich die beiden Barfrauen heute noch köstlich über die vergebliche Suche danach amüsieren. „Er wurde ja nie gebraucht.“ Schließlich wurden die Schlösser ausgetauscht.
Wer es dringend hatte mit seinem Hoch, konnte sich von Muttchen Goldschmidt, der Garderobiere, auch von jetzt auf gleich eine Damenbekanntschaft vermitteln lassen. „Klar“, sagt Irma Cuda, „es kamen viele leichte Mädchen, aber die gehörten auch mit zur Familie: Zu der Zeit gab es ja noch keine Zuhälter. Die arbeiteten alle nur für sich selbst.“
Die Barfrauen waren für die Freier tabu, gute Zuhörerinnen mussten sie aber schon sein, wenn ihnen die Kerle ihr Leid klagten. „Die haben immer ihre Frauen schlecht gemacht, weil die so wenig Verständnis hatten, oder so“, sagt Irma Cuda. „Ich hab denen dann gesagt, vielleicht solltest du nicht die ganze Nacht durchsaufen. Dann wächst auch das Verständnis wieder.“
An den Wochenenden landeten spät abends auch zahlreiche Nachtbummler im „Blinkturm“ die von einem Ball oder anderen Festivitäten kamen und noch auf einen kleinen Mitternachts-Snack aus waren. „Das Brot mit einem Viertelpfund Hackepeter und Zwiebeln für 90 Pfennig war der Renner“, erinnern sich die beiden Frauen. Aber auch das Steak auf Toast mit einem riesigen Berg Champignons obendrauf, das in der Küche unter dem Namen „Gifthügel“ lief.
Überhaupt, die Küche. Sie lag zwischen der Klause und der Bar und wurde von den Gästen gern mal als Abkürzung benutzt. Mitunter wurde mit der Köchin auch einer zur Brust genommen. „Wir haben da richtige Partys gefeiert“, erinnert sich Maria Dreimann, „heute unvorstellbar.“
Als „Blinkturm“-Chef Raedisch 1971 Jahre starb, ging für die beiden Frauen eine Ära zu Ende. „Er war die gute Seele des Lokals. Ohne ihn war es nie wieder so wie zuvor.“ 1989 wurde der „Blinkturm“ in der Wülbernstraße abgerissen. Heute steht dort ein Wohnhaus.

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