
245 Menschen haben allein im vorigen Jahr beim Amtsgericht die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt, „die Zahl Betroffener steigt jährlich kontinuierlich weiter an“, resümiert Rechtspfleger Manfred Kuhne.
„Die psychischen und nervlichen Auswirkungen sind die gleichen, ob es um 20 000 oder eine Million Euro geht“, hat Otto K., der nicht in der Zeitung wiedererkannt werden möchte, erfahren. „Man will den Ruin lange nicht wahrhaben, redet sich heraus, sucht die Schuld bei anderen, in den Umständen, bloß nicht bei sich.“ 2004 hatte der heute 59-Jährige sein Leben ändern wollen und sich mit einem Lokal selbstständig gemacht.
„Das Franchise-Geschäft erschien“ – er betont den Trugschluss selbstironisch – „erschien mir mit relativ geringem Eigenkapital lukrativ.“ Es lief tatsächlich zunächst gut. „Aber es bröckelte schon im Jahr danach. Da dachte ich, als Schutz baue ich zwei weitere Standorte auf. Wenn von allen dreien ein bisschen übrig bliebe, reicht es mir gut zum Leben.“ Eine Milchmädchenrechnung, quittiert er sich selbst heute bitter.
Die ersten Alarmsignale schlug er in den Wind, „die Sachverständige der Landeswirtschaftsförderung hat das Projekt zerpflückt, das werde nichts. Aber ich war überzeugt von meiner Sache, und zwei Banken gewährten Kredite“.
Ein Rückzieher wäre da noch möglich gewesen, weiß Otto K. nun. „Die Läden waren ja noch nicht eröffnet. Ich hatte mich überschätzt.“ Das Ende: Alle drei Geschäfte pleite und bis heute unverkäuflich. Altersversorgung futsch. Seele und Körper krank.
Suizid-Gedanken – immer öfter, immer drängender. „Hätte meine Lebensgefährtin nicht zu mir gehalten, ich hätte mich umgebracht.“ Sie bewegte ihn, ärztliche Hilfe zu suchen. Der Kreislauf aus Medikamenten, Therapie, Klinik und Hoffnung begann. „Ich glaube, sehr viele von Insolvenz Betroffene realisieren gar nicht, dass sie schon schwer depressiv sind und Hilfe brauchen.“
Darum gründet Otto K. die erste örtliche Selbsthilfegruppe „Insolvenz“, unter dem Dach des Vereins Bremerhavener Topf. „Ich möchte andere motivieren, über ihren Schatten zu springen, Hilfe zu suchen, sich zu öffnen, Perspektiven zu entwickeln.“ Auch Informationen einzuholen: „Nur wenige Selbstständige wissen, dass sie doch noch gesetzlichen Anspruch auf eine Krankenversicherung haben.“
Am Montag, 15. März, ist das erste Treffen um 19 Uhr beim „Paritätischen“, Hafenstraße 9. Wie er seine Zukunft sieht? „Auf mich wartet nur die Grundsicherung. Ich hoffe, dass ich noch mal etwas Sinnvolles tun kann.“
Wo: Paritätischer, Hafenstraße 9.
Kontakt: 0151/10 40 23 49.
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