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Immer mehr Prostituierte wollen raus aus dem Milieu

Bremerhaven (shs). Eine Prostituierte klingelt nachts an einer Polizeiwache. Sie ist verzweifelt, will raus aus dem Milieu der Abhängigkeit und Gewalt. Das kommt jetzt häufiger vor. Dr. Martin Binns von der Staatsanwaltschaft beobachtet einen Anstieg der Fallzahlen im Deliktfeld Menschenhandel/Ausbeutung von Prostituierten. Aber nicht immer kommt es zum Urteil.

Fast immer geht es um Bulgarinnen, die mit ihren Zuhältern 2007 kurz nach dem EU-Beitritt des Balkans an die Weser gekommen sind. In Bremerhaven schaffen seitdem viele von ihnen an. Oft nicht freiwillig. Von den rund 150 Prostituierten in der Stadt kommen etwa 70 aus Bulgarien. Ein Verfahren wegen des Verdachts des Menschenhandels aus der Seestadt liegt noch bei der Polizei, zwei sind 2008 eingestellt worden – aus Mangel an Beweisen.

Täter zu überführen, das ist in diesem Bereich schwieriger als in anderen Delikten. „In solchen Fällen gibt es selten objektive Beweise“, erklärt Binns, „in der Regel steht Aussage gegen Aussage“. Es sei ihm noch nicht untergekommen, dass ein Beschuldigter ein Geständnis ablegt. So kommt es oft gar nicht zum Prozess. Manchmal auch deshalb, weil die Frau ihre Angaben widerrufen hat. Die Opfer seien oft eingeschüchtert, weiß Binns.

Jens Ditzel, der lange im Rotlichtmilieu für die Kripo ermittelt hat, beschreibt die Situation: „Sie entkommen ihrer Lage oft nur mit dem, was sie am Leib haben.“ Kollegen seien aus Mitleid schon mit den Frauen einkaufen gegangen, damit die Frauen eine Mahlzeit und warme Sachen bekommen. Viele sprechen nur ihre Heimatsprache. „Wenn sie unter Druck stehen und dann noch aussagen müssen, entstehen natürlich Widersprüche“, ist für Ditzel klar. In der Seestadt gebe es eine Frau, die schon fünf Jahre darauf wartet, dass ihr Peiniger vor Gericht kommt.

Vorwurf an Freier Die Akte liege nicht bei der Staatsanwaltschaft, sagt Binns. Er versuche, Beweise schnell zu sichern, etwa durch richterliche Vernehmungen. Aber auch das hilft nichts, wenn sich der Verdächtige ins Ausland abgesetzt hat. Noch nicht verhandelt sind eine Reihe von Verfahren aus Bremen aus diesem Deliktfeld, die während der vergangenen sechs Monate eingegangen sind. Angeklagt werden je nach Tatvorwürfen Menschenhandel, Zuhälterei, Ausbeutung von Prostituierten, Körperverletzung und/oder Sexualdelikte wie Vergewaltigung. Fällig werden kann alles von einer Geldstrafe bis hin zu zehn Jahren Haft.

Was Binns nicht begreift: „Die Freier müssen diese Situation doch auch sehen. Wenn da eine Frau ist, die kein Wort Deutsch spricht, ist sie doch so abhängig, dass sie sich ihre Situation kaum selber ausgesucht hat.“

Am Sonnabend lesen Sie: Das Gesundheitsamt betreut Prostituierte.



Igor holt die Mädchen aus dem Bordell
Artikel vom 25.02.09 - 10:20 Uhr
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