„Nach einem Foto zu zeichnen ist viel einfacher als einen lebendigen Menschen“, erklärt Svetlana Kail. Die Malerin sitzt an ihrem Küchentisch in Stotel mit einem Pinsel in der Hand. Ihr gegenüber Sigward Glomb. Der Bremerhavener ist früh morgens zur zweiten Sitzung für sein Porträt gekommen. Vielleicht wird das Bild, das vor Kail auf einer kleinen Staffelei steht, heute schon fertig Die Gesichtszüge sind bereits gut zu erkennen. Die Konturen und Fältchen werden jetzt in Feinarbeit herausgearbeitet.
Sigward Glomb ist durch eine Meldung in der NORDSEE-ZEITUNG auf die Malerin aufmerksam geworden. Er hat sich schon mal porträtieren lassen, „in Italien von einem Straßenmaler“. Als er von Kail las, nahm er Kontakt auf und sie fertigte eine Zeichnung von ihm an. Die gefiel ihm so gut, dass er sich jetzt in Farbe malen lässt. „Es macht viel Spaß“, sagt er. Die Stimmung ist locker, bei einem Kaffee erzählen sich die beiden aus ihrem Leben. „Das soll nicht so steif sein“, sagt die 41-Jährige. Wenn das Modell sich wohl fühle, könne sie dessen Charakter und Ausstrahlung leichter einfangen.
Noch nicht lange malt die Frau aus Sibirien Porträts. Auf älteren Bildern sind Landschaften zu sehen und Bauwerke. Der Bremerhavener Simon-Loschen-Turm etwa. Irgendwann begann sie, Menschen zu malen. Eine Serie mit Akten in Rosa. „Das kam einfach so, ich habe diese Farbe vorher niemals und danach nie wieder benutzt. Ich denke, da mussten Emotionen nach außen getragen werden.“
In einer Kleinstadt im Altai-Gebirge in Russland ist Svetlana Kail aufgewachsen. Sie malt schon, seit sie sich erinnern kann. Im Alter von zwölf Jahren schickten ihre Eltern sie auf eine Kunstschule, in der sie neun Stunden pro Woche in Zeichnen, Malerei und Kunstgeschichte unterrichtet wurde. Nach vier Jahren musste sie die Schule verlassen, weil die Familie in eine andere Stadt zog. „Ich hatte Glück, dass meine Eltern mir diese Ausbildung ermöglichten“, sagt sie heute.
1994 kam Svetlana Kail mit ihrem Mann nach Deutschland. Ihre Söhne Daniel und Philip sind hier geboren. Inzwischen fühlt sie sich zu Hause in Stotel. Ihre technische Ausbildung wurde in Deutschland allerdings nicht anerkannt, also kümmerte sie sich um die Kinder und den Haushalt. Und die Malerei.
In der Künstlerin Renate Rönsch fand sie eine Freundin und den Kontakt zu Künstlern und Kunstinteressierten in Stotel. Und sie belegte Kurse. Seit zwei Jahren macht sie ein Modulstudium an der Volkshochschule Bremen. Im Kulturkreis „Kulturzentrum Alte Schule“ stellt sie aus und gibt selbst Kurse für Kinder.
Ihr künstlerisches Ziel hat sie für sich genau formuliert. „Ein Bild ist für mich wie ein Puzzle aus vielen kleinen Steinchen. Ich möchte irgendwann Geschichte, Dialog und Emotion in einem Bild vereinen.“

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