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Die vergängliche Pracht

Das Ding ist wirklich hässlich. Wie es da so steht, unförmig in Eternit verpackt. Dabei war das Haus in der Hafenstraße 144 früher einmal ein Prachtstück der Gründerzeitarchitektur. Viele Erinnerungen verbinden sich damit: An „Rüsch‘s Hotel“ und den „Norddeutschen Hof“, an die „Rialto-Bar“ und das Atlantis-Kino. Jetzt wird es abgerissen. Von Rainer Donsbach

Bis vor drei Jahren hat es dort noch einen Hotelbetrieb gegeben. Doch der frühere Glanz war längst verblasst. Die piekfeine Gaststube mit den marmornen Säulen, der Holzvertäfelung, den Jugendstilfenstern und vier Metern Deckenhöhe: Alles vergangen. Der riesige Festsaal mit einem herrschaftlichen Kamin, auf dem zwischen Palmen- und Lorbeerbäumen eine Büste von Kaiser Wilhelm I. thronte: Schnee von gestern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war im Saal eine Zwischendecke eingezogen worden, um in der ersten Etage das Atlantis-Kino einzubauen. Das große bleiverglaste Rundbogenfenster verschwand dabei auf Nimmerwiedersehen hinter der Leinwand. Wegen des ungewöhnlichen Grundrisses wurden die Sitzreihen im Bogen in den Zuschauerraum eingebaut.

Generationen von Filmenthusiasten haben sich dort in die üppigen Polster gelehnt, um zumeist anspruchsvolle Kinoware zu sehen. Die erste vom damaligen NZ-Redakteur Jürgen Büsselberg initiierte Programmkino-Reihe war hier zu Hause. Später wurde das Atlantis auch zum Domizil für das Kommunale Kino (Koki).

Im Dezember 2000 war die Koki-Ära im Atlantis mit einem Film aus dem Leichenschauhaus der Yuppie-Kultur („American Psycho“), Butterkuchen und Korn zu Grabe getragen worden. Weil die Kinobetreiber den Standort nicht länger halten wollten, zog der Filmclub ins Apollo nach Geestemünde um.

Als Jahre später das Aladin in der Rickmersstraße und die Passage-Kinos im Columbus-Center dichtmachten, wurde das Atlantis noch einmal vorübergehend aus seinem Dornröschenschlaf geweckt. Doch 2007 war dort zeitgleich mit der Eröffnung des Cinemotion-Kinocenters im Havenhaus endgültig der Ofen aus. Da hatte es dann auch das letzte der kleinen Stadtteilkinos unwiderruflich erwischt.

In den Räumen unter dem Kino hatte in den späten fünfziger Jahren die Rialto-Bar eröffnet – ein weiterer Treffpunkt für die seinerzeit brodelnde Jazz- und Nachtklubszene der Stadt. Nach den Erinnerungen des Bassisten Klaus Barck war das Rialto ein Anlaufpunkt für amerikanische Musiker, die mit den Truppentransportern nach Bremerhaven gekommen waren: „Wenn die einen zurück in die Staaten mussten, kamen schon wieder neue von den Schiffen.“ Doch auch das Rialto ist längst Geschichte.

Als im September 2008 das reichlich heruntergewirtschaftete Hotel garni ebenfalls die Türen schloss, sanken die Hoffnungen auf eine Wiederbelebung alter Hotel- und Kinoherrlichkeit auf den Nullpunkt. Jahrelange Versuche, doch noch Nachmieter dafür zu finden, blieben vergeblich. Deswegen fiel jetzt im Einvernehmen mit der Stadt die Entscheidung für den Abriss. Das im Erdgeschoss ansässige Bestattungsinstitut Luise Schlange ist inzwischen in das Nachbarhaus umgezogen. Noch in dieser Woche soll mit dem Abbruch begonnen werden.

Zunächst müssen die asbesthaltigen Eternitplatten Stück für Stück per Hand von einem Steiger aus entfernt werden. Erst danach wird das Gebäude eingerüstet und von hinten abgebrochen. Zu größeren Verkehrsbehinderungen wird es dabei aller Voraussicht nach nicht kommen. Lediglich der Fußweg soll vorübergehend gesperrt werden, um die Baustelle zu sichern.

Das Gartenbauamt will auf der frei gewordenen Fläche einen neuen baumbestandenen und gut ausgeleuchteten Eingang zum Stadtpark schaffen. Außerdem soll dort ein Parkplatz mit 18 Plätzen für die NORDSEE-ZEITUNG entstehen.

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Ein Prachtbau der Gründerzeit: „Rüsch‘s Hotel“ im Jahr 1904 (links). Und so (rechts) sieht die Hafenstraße 144 heute aus. Nun wird das jahrelang leerstehende Haus abgerissen. Danach entsteht hier ein neuer Zugang zum Stadtpark und ein kleiner Parkplatz. Fotos Sammlung Ulrich Manhart/eer
Artikel vom 22.11.11 - 16:00 Uhr
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