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Die Mutter aller Szenekneipen


Bremerhaven. Eine Szenekneipe macht dicht, und ein Proteststurm bricht los. Über 1000 Jugendliche ziehen durch die Alte Bürger, es kommt zu Krawallen und Plünderungen, Steine, Feuerwerkskörper und Bierflaschen fliegen gegen Polizeibeamte. Das alles ist wirklich passiert. Im Januar 1989. Als das „Wally“ schloss. Von Rainer Donsbach


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Das Ende der Party: Nach der Schließung des alten „Wally“ besorgten Plünderer den Rest. Danach wurde daraus ein Supermarkt.

Die Mutter aller Szenekneipen war in der Tat etwas ganz Besonderes. „Kein Ort, wo man sich zeigt, sondern wo man lebt“, beschrieb „Wally“-Wirt Rolf „Micky“ Kaiser später das Phänomen. Kaiser, der auch als Musiker in Bremerhaven legendären Ruf genoss, hatte die Kneipe an der Ecke Bürger/Schleusenstraße 1975 dank der Finanzspritze seines Vaters – eines Zahnarztes – übernommen.

Zuvor war das Lokal von einigen Musikern und „Trüffelschweinen“ des Nachtlebens entdeckt worden, die dort ihre langen Nächte ausklingen ließen. Hinten links stand ein Billardtisch, daneben ein paar mit mannshohen Holzwänden abgeteilte Séparées, in die man sich auch mal relativ ungestört mit der Freundin und/oder einem Joint zurückzog.

Unter Kaiser wurde das Licht bis auf das Allernötigste heruntergedimmt und die Lautsprecherboxen aufgerissen. Die Billard-Ecke wurde zur Tanzfläche. Das Bier gab es in Flaschen. Und wer nichts trinken wollte oder kein Geld dafür hatte, konnte trotzdem den Abend dort verbringen, ohne dass er vom Personal bedrängt wurde. So wurde das „Wally“ zu dem Szenetreffpunkt schlechthin. Wo ein Nachtbummel in den 70er und 80er Jahren begann und meist auch endete.

Das Ende kam als Schock

Um so schockierender kam für viele das Ende. Zur Jahreswende 88/89 schien die Welt noch in Ordnung zu sein. Doch wenige Tage später bewahrheitete sich schließlich ein Gerücht, das schon so lange kursierte, dass es keiner mehr ernst genommen hatte: Von einem Tag auf den anderen machten neue Hausbesitzer den Laden dicht.

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Scheiterte mit einer Neuauflage in der Rickmersstraße: Micky Kaiser .
„Ohne ,Wally‘ gibt’s Krawalli“ skandierten noch in der gleichen Nacht empörte Jugendliche und zogen vor das geschlossene Lokal. Über 100 Polizisten konnten nur mit Mühe verhindern, dass der Laden gestürmt wurde. Ein Plakat wurde hochgehalten: „Erst stirbt das ,Wally‘, dann der Mensch.“ Jungpolitiker mit Megaphonen solidarisierten sich mit den Massen. Fassungslosigkeit machte sich breit. Am Tag darauf wurde das „Wally“ zugemauert.

Dass da Hunderte von jungen Leute mit Fackeln durch die Nacht rannten, und so verzweifelt taten, als seien sie von verschwörerischen Mächten um den Sinn des Lebens gebracht worden, war nicht ohne Komik. Ebenso wenig wie das Bild von den CDU-Politikern, die knöcheltief in den Trümmern des geplünderten Lokals standen und auf alternativ machten. Doch für viele hatte das „Wally“ tatsächlich etwas Beschützendes gehabt. Wie eine Herberge, in der nur Gleichgesinnte unterkommen und in der man sich auch ohne viele Worte versteht.

Während der Szenetreff in der „Bürger“ zu einem Supermarkt umgebaut wurde, versuchte Micky Kaiser unter gleichem Namen noch einmal eine Neuauflage in der Rickmersstraße. Doch damit war es nach gut einem Jahr wieder vorbei – weil es ständig Ärger mit Anwohnern gegeben hatte und die alte Atmosphäre sowieso nicht mehr aufkommen wollte.

Kaiser verließ die Stadt und starb 1997 mit 51 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung. Etwas mit dem „Wally“ Vergleichbares hat es in Bremerhaven nie wieder gegeben.

Artikel vom 11.02.10 - 15:00 Uhr
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