
In den 60er Jahren war „Billy Moffets Playboy Club“ noch eine exotische Pflanze im Nachtleben der Seestadt. Anrüchige Kneipen gab es zwar auch anderswo, doch hier versammelte sich ganz ungezwungen jede Menge Lokalkolorit. Leute aus der Baubranche, die dort einen Vertragsabschluss begossen. B-Prominenz aus Politik und Verwaltung, die mal einen „Walk on the wild side“ riskieren wollten. Gelegentlich auch mal ein Stadtrat. Und Polizisten, wie Billy später erzählte: „Die fühlten sich hier wohl, weil sie nie dienstlich gerufen werden mussten.“
Als der Klub 1978 schloss, war die Zeit längst über ihn hinweg gegangen, denn die Filmchen, die damals noch durch Billys altersschwachen Filmprojektor ratterten, waren eher drollig als heiß.
Bevor Billy 1996 bei einer Nostalgie-Party in der Stadthalle zum letzten Mal auf eine Showbühne geholt wurde, besuchte ich den damals 74-Jährigen in seinem Ein-Zimmer-Appartement in der Rickmersstraße. Der einstige Strip-Impressario hatte sich äußerlich relativ unverändert in die Neunziger herübergerettet. So wie seine senfgelbe Kunstledercouch und der Pilzhocker neben dem kleinen Rauchglastisch.
Der Versuch, mit einem Schmalzkuchen-Laden („Billy Boy’s Donut Shop“) in der „Bürger“ Fuß zu fassen, war kurz zuvor fehlgeschlagen: „Wer meinen Namen hört, will Mädchen und keine Donuts“, musste Billy einsehen. Das war schon 1963 so, als „Billy Moffett‘s Playboy Club“ in einem kleinen Flachdachbau in der Langen Straße eröffnete. In der Lessingstraße flackerte noch keine einziges Rotlicht, und die US-Truppentransporter brachten Tausende GI’s in die Seestadt. Dennoch machte der frühere Handelsmariner Moffett einen Fehler, indem er zu sehr auf amerikanische Kundschaft setzte: „Die Soldaten gaben überhaupt kein Geld aus, die Seeleute nur wenig.“
Als auch die Bremerhavener den Klub für sich entdeckten, mauserte er sich zum Erotik-Tempel mit Live-Striptease. Pikkolo 25 Mark, Pulle Sekt 200. Dafür konnte man sich mit seiner Herzdame auch in eines der Separées zurückziehen oder dabei zusehen, wie sich die Girls auf der winzigen Bühne aus den Dessous pellten. Billy setzte den Strip ins richtige Licht, bediente die drei Revox-Bandmaschinen mit passender Musik und schob Dias ein. Ein Bild von Ray Charles und sein Song „Here we go again“ kündeten jedes Mal eine neue Show an.
Dass er in Bremerhaven blieb, hatte der im rassistischen Louisiana geborene Billy nie bereut. „Wenn ich den Klub in einem weißen Wohnviertel in des USA eröffnet hätte, hätten sie mir die Scheiben eingeworfen. Hier behandeln sie mich so, wie ich mit ihnen gegenüber verhalte.“
Und wer sonst als die Bremerhavener würden Geschichten so sehr zu schätzen wissen wie die vom Handelskammer-Mitglied, der im Playboy-Club gern mal nach dem Rechten schaute. „Na“, fragte Billy, als der honorige Stammgast nach langer Zeit aus seinem Separée herauskroch, „irgendwas Besonderes gewesen?“ „Nee, nee“, winkte der Mann ab, doch seine Kleiderordnung sprach selbst im Schummerlicht der Bar eine andere Sprache: Er trug die Hose verkehrt herum.
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