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Der Pinguin im Kühlschrank


Bremerhaven. Im Schlafanzug in die Striptease-Bar? Rainer Scheele hat das erlebt. Auch die Geschichte mit dem Pinguin, der plötzlich im „Deutschen Garten“ auftauchte. „Und ich war wirklich nicht betrunken“, versichert er. Auch vom „Christopher of Bremen“ kann Scheele ein Lied singen. Dort hatte seine Tour de Force durch die Nachtklubszene der Seestadt begonnen. Von Rainer Donsbach


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Maritimer Barock : Das „Christopher of Bremen“ 1968. Foto NZ-Archiv

Eigentlich war der gebürtige Hamburger 1972 nur zur Aushilfe für ein paar Wochen nach Bremerhaven gekommen. Doch wie das so ist: Erst lernte er die Stadt schätzen, dann eine junge Frau, mit der er heute immer noch verheiratet ist. Wo die Liebe hinfällt. Und im „Christopher“, dem im maritimen Barock aufgedonnerten Tanzschuppen in der Grazer Straße, konnte er als Discjockey eine neue Ära begleiten. Vorher wurden dort gerne mal Schlager und Stimmungsmusik gespielt. Bei Scheele kam nur Pop und Soul auf den Plattenteller.

„Wir waren damals richtig multikulturell“, erinnert er sich. „Türkische Türsteher, marokkanische Kellner, Seeleute aus aller Welt.“ Bei den Barfrauen besonders beliebt waren die isländischen Fischdampfermatrosen: „Die legten für jeden Drink einen Zehn-Mark-Schein auf den Tresen und fragten nicht nach Wechselgeld.“ Dass sie auch einer Schlägerei nie abgeneigt waren, war am Ende egal: „Die waren dann so besoffen, dass sie eh nicht mehr konnten. Wir haben die sogar zum Schiff zurückgefahren – Service.“

Service wurde auch in der „Indra-Bar“ in der Lloydstraße groß geschrieben, in der Scheele eine Zeit lang auflegte. Wenn dort am frühen Morgen ein stadtbekannter Villenbesitzer und Fischunternehmer aus Wulsdorf im Schlafanzug und Morgenmantel auftauchte, wusste jeder, was zu tun war: „Die Stripperin raus, das Bärenfell ausgelegt, Musik an und Champagnerbuddel auf.“

Alles flott, flott

Das musste alles flott gehen, erzählt Scheele, denn wenn die Ehefrau merkte, dass ihr Gatte sich mal wieder aus dem Bett gestohlen hatte, rauschte sie im Taxi hinterher und zerrte ihn zeternd raus aus der Bar.

Als aus der „Indra-Bar“ das „Bocaccio“ wurde, entdeckte nach Scheeles Erzählungen auch „das gehobene Publikum“ den Laden. Inklusive Rotlichprominenz wie der Puffbesitzer, den alle nur „Melone“ nannten. Der Discjockey erinnert sich, wie sich zwei Zuhälter zunächst in der Bar, dann vor der Tür wie die Kesselflicker kloppten und „Melone“ das Treiben nonchalant mit einem Campari/O-Saft in der Hand verfolgt. Und sah, wie dabei auch ein nagelneues Mercedes Coupé Dellen abbekam. „Weißt Du, wem der Wagen gehört?“, fragte Scheele den Rotlicht-Granden. „Jo“, meinte der, „das ist meiner.“ Heutzutage würde man so was saucool nennen.

Nummer eins in Scheeles Anekdotensammlung ist allerdings die Sache mit dem Pinguin, den Seeleute aus Hamburg wer weiß wo shanghait und im Eingang zum „Deutschen Garten“ in der Hafenstraße, dem späteren „Kraftwerk“, abgeladen hatten. Bei der Polizei haben sie dreimal den Hörer aufgelegt, als Scheele dort anrief: „Die dachten natürlich, ich will die veralbern.“ Bis dann schließlich doch noch ein Streifenwagen geschickt wurde, haben sie den Vogel in einem großen Getränkekühlschrank beherbergt. Auch cool.

In der nächsten Woche

Der In-Szenetreff in den 80ern: Das „Frizz“ in der „Alten Bürger“

Artikel vom 13.05.10 - 11:20 Uhr
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