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„Der Größenwahn muss endlich aufhören“

Bremerhaven. Für das Sicherheitsmanagement von 1400 Schiffen ist der Bremerhavener Kapitän und Sicherheitsexperte Siegfried Ottinger verantwortlich. Er fordert im Gespräch mit Tobias Schwerdtfeger, den Größenwahn der Reedereien endlich zu beenden und die Lehren aus dem „Costa Concordia“-Unglück zu ziehen.

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Die havarierte „Costa Concordia“ droht nach dem Unfall ins tiefe Meer zu rutschen. Foto dpa

Nach der Havarie der „Costa Concordia“ wurde schnell bekannt, dass der Kapitän als einer der ersten das Schiff verlassen haben soll. Durfte er das? Oder hätte er, rein rechtlich, bleiben müssen?

Es gibt eine Vorschrift, die unter anderem das Verhalten des Kapitäns auch bei Unfällen regelt, den sogenannten ISM-Code (International Safety Management Code). Da steht unter Regel 5.2, dass der Kapitän die uneingeschränkte Autorität an Bord besitzt und die Verantwortlichkeiten für alle Entscheidungen in Bezug auf Sicherheit des Schiffes zu treffen hat. Dass dazu die Evakuierungmaßnahmen gehören, ergibt sich von selbst. Dabei kann er die volle Unterstützung der Reederei in Anspruch nehmen. Wie kann er das, wenn er nicht mal mehr an Bord ist?

Also hätte er bleiben müssen?

Natürlich, aber das ist keine rein juristische Frage. Er hätte das Kommando auch delegieren können. Aber es ist eine Frage der Ehre. Ein Kapitän verlässt das sinkende Schiff nicht als Erster. Mir wäre so was in 50 Jahren Seefahrt im Traum nicht eingefallen.

Na bitte, haben wir also den Schuldigen gefunden.

Das ist etwas, was mich wahnsinnig stört. Alle fragen zurecht nach dem Kapitän. Aber wo sind die anderen Offiziere oder der Stellvertreter vom Kapitän? Sind die alle zusammen mit dem Kapitän ins gleiche Rettungsboot gefallen? Ein Kapitän kann eine Crew von 1100 Seeleuten befehligen, aber nur unter der Voraussetzung, dass das, was er an seine Offiziere delegiert hat, auch von diesen durchgeführt wird. Da haben auch andere versagt.

Immer größere Kreuzfahrtschiffe, immer mehr Passagiere an Bord. Was sagen sie als Kapitän: Sind solche Schiffe noch sicher kontrollierbar?

Vor 15 Jahren haben Unfallforscher und Kapitäne schon gesagt, dass es jetzt zu viel wird. Damals gab es Schiffe, die fassten gerade 1000 Passagiere. Mittlerweile sind es bis zu 6000. Es wird Ihnen als Kunde immer alles schöngeredet. Sie kriegen einen eigenen Balkon – es fehlen nur noch die Geranien. Es wird Ihnen vorgegaukelt: Hier kann nichts passieren. Aber das ist zu viel. Das geht nicht. Musste denn erst dieser Unfall passieren, damit man merkt, dass die Entwicklung in eine ganz falsche Richtung geht?

Die Technik hält zumindest, was sie verspricht, sofern sie von den Anwendern beherrscht wird.

Natürlich investieren die Reedereien viel Geld in die Technik, und speziell in die Sicherheitstechnik. Ob im Ernstfall alles funktioniert, weiß man aber auch nicht. Wenn die Rettungsboote an der falschen Seite ausgesetzt werden, hilft Ihnen das im Notfall auch nicht.

Also ist der Unsicherheitsfaktor der Mensch?

Ja, es ist überwiegend der „Human Factor“. Die Frage ist doch, was wir aus solch einem Unfall lernen können. Es muss ja eine Konsequenz geben aus diesem Drama. Und das kann nur sein: So kann dieser Wettlauf zum Größenwahn in der Schifffahrt nicht weiter gehen. Die Schiffe müssen wieder kleiner werden.

Und das ist der ganze Trick?

Nein. Grundvoraussetzung ist, dass wir wieder besser und professioneller ausbilden. Es wäre auch ratsam, dass wirklich unabhängige Kontrollinstanzen über die Sicherheitszertifikate wachen und ISM nicht nur auf dem Papier Sicherheit bringt, sondern auch in der Praxis konsequent umgesetzt wird. Meine Empfehlung wäre, rechtzeitig vor dem Auslaufen ein Sicherheitsmanöver abzuhalten, welches von den Passagieren nicht als erster Programmpunkt der Kreuzfahrt und Fotoshow angesehen wird.

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Sicherheitsexperte: Kapitän Siegfried Ottinger. Foto NZ
Artikel vom 24.01.12 - 16:00 Uhr
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