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„Das ist meine Stadt“


Lehe. Sie ist nicht auf den ersten Blick schön. Eine Frau mit Ecken und Kanten, die gelebt hat und Spuren trägt... Wer, die Pastorin? Nein. Obwohl – das mit den Ecken, Kanten und Lebenspuren kann und will auch die 39-Jährige nicht leugnen. Dazu ist sie zu offenherzig, geradeheraus, unverschnörkelt. Aber sie meint: die Stadt. Von Susanne Schwan


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Gern radelt Andrea Schridde auf ihrem alten Herrenrad herum. Foto ls

Bremerhaven, sagt Andrea Schridde, ist wie Berlin. Und sie selbst ist ein bisschen wie beide. „In Berlin kannst du sein, wer du bist, keiner dreht sich nach dir um, die Menschen sind raubeinig, die können dir schon mal einen vor den Latz hauen, aber herzlich und ehrlich. So erleb ich Bremerhaven auch.“ Fünf Monate ist Andrea Schridde als neue Pastorin an der Michaelis-Paulus-Gemeinde, aber schon ganz „da“.

Sie hat auch lange gesucht. Nicht die richtige Stadt, sondern den richtigen Weg – den zu sich selbst. „Von Pastorin war lange noch keine Rede, das hab ich mir gar nicht zugetraut“, erzählt die Tochter eines Maurers, die mit 15 das 1400-Seelen-Dorf Klein-Ilsede hinter sich ließ, um als Fachkraft in der Stadtverwaltung Peine zu merken: „Das isses nicht. Ich wollte mehr wissen.“

Im zweiten Bildungsweg hat sie das Abi nachgeholt, in Oldenburg, hat derweil im Altenheimcafé gejobbt, Kindergottesdienste gestaltet „und mit einem Umweltschutz-Studium geliebäugelt“. Sie lacht, „damals hatte ich noch so ein Bild von Gorillas im Regenwald vor mir.“ Bis sie in ihrer Gemeinde spürte: „Kirche ist es, das bedeutet Freiheit im Denken, im Handeln, neue Horizonte.“ Sie begann ein Theologiestudium, „aus Wissbegier, nicht um Pastorin zu werden.“

Mit ihren Studiumsstationen Heidelberg und Bochum – „eine graue Stadt mit viel 60er-Jahre-Putz“ – konnte sie nicht recht warm werden. Aber mit Berlin. Die Stadt fing sie auch auf, als sie nach dem Examen zwei Jahre arbeitslos blieb. „Nichts klappte, ich hab Praktika gemacht, im Call-Center einer Bank gejobbt, Aktien verkauft. Aber ich war ziemlich fertig, ohne Selbstwertgefühl.“ Dann also doch Pastorin? „Nee, ich glaubte, um das mit Wahrhaftigkeit zu machen, reicht mein Glaube nicht.“

Erst angeschubst von Jobs beim ökumenischen Kirchentag und bei einer Persönlichkeitstrainerin riskierte sie den Schritt zur Landeskirche. Von da an lief’s nahtlos: 2004 Vikariat in Hannover, 2006 erste Pfarrstelle nahe Loccum. Nach drei Jahren war klar: „Ich will wieder in die Stadt.“

Erster Kontakt im Frühling

Es war ein strahlender Tag im vorigen Frühling, als sie Tuchfühlung mit Fischtown bekam. „Im Kopf hatte ich das alte Bremerhaven-Image, triste, kaputt, viele Arbeitslose – das haut dich ja nicht so um. Aber dann stand ich hier, die Möwen kreischten, der Wind, die Weite, Schiffe, unendlich freundliche Menschen – ich wusste: Hier möchte ich hin. Das ist meine Stadt.“ Das kam der Superintendentin gerade recht. Heute hat Andrea Schridde schon lokalpatriotische Anwandlungen: „Neulich beim ‚Tatort‘ dachte ich, Mensch, die müssten mehr von Bremerhaven zeigen.“

Es gibt viele Gründe, in Bremerhaven zu leben. Die NZ stellt Neubürger in einer Serie vor.


Artikel vom 16.03.10 - 16:00 Uhr
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