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Bürger schauen jetzt viel öfter hin


Bremerhaven. Seit dem Fall Kevin wenden sich in Bremerhaven immer mehr Menschen an das Amt für Jugend, Familie und Frauen, wenn sie sich Sorgen um das Wohl eines Kindes machen. So meldeten aufmerksame Bürger 2009 nach Angaben des Sozialdezernates 588 Kindeswohlgefährdungen, ein Jahr später waren es schon 30 mehr. Von Denise von der Ahé


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Mehr Aufmerksamkeit: Seit dem Fall Kevin schauen mehr Bürger hin, wie es um das Wohl von Kindern bestellt ist. Foto ste

Aktuell seien die Meldungen zwar leicht rückläufig, sagt Jugendamtsleiterin Susanne Hild. Das führt sie jedoch auf die demografische Entwicklung zurück – wenn es generell weniger Kinder gebe, sei es logisch, dass sich auch die Fallzahlen in den problematischen Familien verringerten.

Aus diesem Grund bekämen auch weniger Familien Hilfe zur Erziehung. Die Fallzahl sei von 2402 (2009) auf 2067 (2010) gesunken. Dabei sei jedoch nicht immer Gefahr im Verzug. Vielmehr gehe es um generelle Hilfe für Familien, dazu gehörten zum Beispiel auch präventive Maßnahmen oder Schulungen von Eltern, sagt Hild.

Derzeit bringe das Jugendamt auch wieder etwas weniger Kinder außerhalb von Familien unter, sagt Hild. Zuvor gab es hier einen sprunghaften Anstieg: Wurden 2006 noch 833 Kinder in der Seestadt in Heime vermittelt, seien dies 2010 bereits 1019 gewesen.

In Pflegefamilien und bei Notdiensten sieht es ähnlich aus. Zwischen 2006 und 2010 hat sich die Zahl der dort untergebrachten Kinder von 246 auf 585 mehr als verdoppelt. Seitdem seien die Zahlen konstant, aber nicht mehr steigend, sagt Hild.

Generell gelte jedoch, dass es seit dem Fall Kevin eine deutlich „geschultere Öffentlichkeit“ gebe. Der schwer misshandelte Junge war 2006 tot im Kühlschrank seines Ziehvaters in Bremen entdeckt worden. „Es gibt seit Kevin mehr Augenmerk für das Kindeswohl, was Meldungen angeht“, sagt Hild. Nicht alle Meldungen von Kindeswohlgefährdungen ließen sich jedoch bestätigen. „Alle Meldungen werden im Vier-Augen-Prinzip begleitet. Diese Mehrarbeit nehmen wir jedoch gerne ein Stück in Kauf. Lieber einmal zu viel hingeschaut als einmal zu wenig“, betont die Jugendamtsleiterin. Es sei sehr positiv, wenn die Bürger hinschauten, sagt auch Sozialdezernent Klaus Rosche (SPD). „Wir sind auf solche Meldungen angewiesen“, betont er.

Realistische Einschätzung

Gefahren für Kinder würden jedoch heute allgemein realistischer eingeschätzt, betont Hild. Dies liege daran, dass Mitarbeiter von Jugendhilfeeinrichtungen und Kindertagesstätten bereits geschult worden seien.

„Sie sind qualifiziert, um Kindeswohlgefährdung einzuschätzen und arbeiten mit den Allgemeinen Sozialen Diensten zusammen“, sagt Hild. Mitunter könne schon mal eine Erzieherin Eltern unterstützen, so dass der Sozialdienst erst gar nicht von der Kindertagesstätte einbezogen werden müsse.

Mehr Meldungen führten aber auch zu mehr Kosten: 2010 gab es eine Steigerung um 16 Prozent – das sind 2,9 Millionen Euro mehr als ein Jahr zuvor. Insgesamt sind die Kosten für die Kinder- und Jugendhilfe 2010 um 34 Prozent gestiegen. Dies sei jedoch vorrangig auf den Ausbau der Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren zurückzuführen, sagt Hild.

Rosche geht davon aus, dass die Kosten für die Kinder- und Jugendhilfe in Zukunft weiter steigen werden – dies sei auf Bundesgesetze und den Ausbau der Betreuung für Kinder unter drei Jahren zurückzuführen. Das Kindeswohl steht für den Stadtrat an oberster Stelle. „Wir schauen ständig, ob wir etwas verbessern können. Es gibt keinen Stillstand“, betont er.

Artikel vom 07.02.12 - 12:00 Uhr
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