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Asbach in der Schweinebucht


Bremerhaven. Die Schweinebucht war nicht nur der Ort, an dem amerikanische Invasoren in Kuba ein Debakel erlebten. So hieß auch ein Stück Theke, an dem sich Linksintellektuelle, Jazzliebhaber, Unternehmer und Gymnasiasten die Kante gaben. „Da gehen die Exis hin“, wurde in der übrigen Szene über die „Insel-Bar“ in der Bremerhavener Straße geraunt. Die Existenzialisten. Von Rainer Donsbach


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Abseits aller nachtschwärmerischen Trampelpfade: Die „Insel-Bar“ in der Bremerhavener Straße. Das Foto schoss NZ-Leser Horst Mittelstädt in den 60er Jahren. Foto pr

Existenzialisten zeichneten sich nach landläufiger Meinung dadurch aus, dass sie schwarze Rollkragenpullover trugen, dazu Sakkos oder Parkas und den Philosophen Sartre gelesen hatten. Als „Maitre“ solch einer Szene war der studierte Architekt Karl-Ludwig Dannenberg die Idealbesetzung. Seine Vorgänger hatten das Lokal Anfang der 50er Jahre im plüschigen Rotlicht-Look unter dem Namen „Bonbonniere“ geführt. Als der hagere Bauhaus-Fan Dannenberg die Kneipe 1962/63 übernahm, flog der ganze Plunder raus.

Fortan prägten Regale aus Stahl und Glas, eine Art Schilfvorhang vor den Fenstern, schwarze Fliesen in den Toiletten, Licht-Spots und gerahmte Bilder des Zeichners und Grafikers Horst Janssen den Stil der Insel.

Die Theke mit der markanten („Schweinebucht“-)Rundung entwarf Dannenberg selbst. Höher als in gewöhnlichen Bars, mit einem Handläufer aus poliertem Holz, an dem man sich auf die fest verschraubten Barhocker ziehen konnte. „Hinter der Theke stand man wie auf einem Podest“, erinnert sich Hans-Richard Wenzel, der dort von 1969 bis 1972 gearbeitet hat. „Da war man immer irgendwie auf der Bühne.“

Die Gäste, die sich dort bei Pilsener Urquell und Asbach über Gott und die Welt, vor allem aber über Politik die Köpfe heiß redeten, repräsentierten einen „erlesenen Querschnitt durch die Bremerhavener Society“, so Wenzel. Zur Stammbesetzung gehörten die Architekten Horst Grützner und Horst Heine, die Kistner-Brüder Wolf-Dieter und Heinrich, Hotelier Wolfgang Naber und Roland Ehlerding, der Bruder des heutigen Ehrenbürgers Karl Ehlerding, Lehrer, Unternehmer – mehr oder weniger gesetzte Herren. Aber auch Schüler fühlten sich vom besonderen Flair der Insel angezogen.

Jazz und Degenhardt

Das lag auch an der Musik, die sonst nirgendwo in dieser Mischung zu hören war. Sehr viel Jazz, auch die richtig schrägen Sachen, Franz-Josef Degenhardt, natürlich, nach Mitternacht auch mal Klassik. Auch Livekonzerte gab es in der Insel zu hören. In der Anfangszeit spielte ein Trio mit Günter Delle, Klaus Barck und Bill Steger sogar sieben Monate am Stück.

Doch irgendwann war die Zeit über diese Szene hinweggegangen. Und Dannenberg war nicht der Mann, der sich auf die neue Generation und deren Musik einstellen wollte. Eine neue Ära brach an, nachdem Peter Plönges die Insel übernommen hatte. Ein immer noch nachdenkliches, aber deutlich jüngeres Publikum entdeckte den jenseits aller nachtschwärmerischen Trampelpfade gelegenen Ort.

Statt Jazz wurden Lou Reed, Dire Straits, Jackson Browne und Patti Smith gespielt – „Because the night belongs to lovers“. Und mit dem Schilfvorhang war auch alles Grüblerische verschwunden. Die neuen Gäste verzweifelten nicht mehr am Leben, sondern genossen es in vollen Zügen. Die Mädchen, die dort jobbten, waren umschwärmt. Gäste kamen mit Schmetterlingen im Bauch. Künstler, Theaterleute und junge Musiker entdeckten die Insel für sich. Als Peter Plönges für alle völlig überraschend an Krebs starb, war es auch mit dem Zauber dieser ganz besonderen Kneipe vorbei.

Es gab zwar noch Versuche, die Insel als Bar weiterzubetreiben, doch die waren nur von kurzer Dauer. Irgendwann eröffnete eine Psychologin dort vorübergehend ihre Praxis – das endgültige Ende der „Schweinebucht“. Heute dient das Haus Montagearbeitern als Unterkunft.

In der nächsten Woche

Die Großdiscos der 80er und 90er Jahre: das „Ballhaus“ und das „Get Up“– eine Türsteherin erinnert sich.

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Treffen an der „Schweinebucht“: Insel-Wirt Karl-Ludwig Dannenberg (r.) mit Gästen an der Bar. Foto pr
Artikel vom 29.04.10 - 06:00 Uhr
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