
Der Bremer Marktplatz – ein Ort zum Gruseln? Daran mag keiner der Neugierigen glauben, die sich um halb neun am Roland treffen. Noch ist alles bunt erleuchtet, fröhliche Musik und Stimmengewirr schwirren durch die Luft. Doch Stadtführerin Isabell Rückert belehrt sie schnell eines Besseren: Nur ein paar Schritte weiter, am Eingang des Rathauses, wird das Geheimnis des Ratskellers gelüftet. Dort soll im „Schwarzen Loch“ der Geist eines Zimmermanns, der sich auf ein Würfelspiel mit den Toten eingelassen hatte, sein Unwesen treiben.
Die 21-jährige macht neben ihrem Studium dreimal pro Woche Stadtführungen durch Bremen. Zu diesem Nebenjob kam sie eher zufällig. „Ich bin meiner Chefin Katharina Rosen zufällig hier auf dem Marktplatz begegnet, als sie gerade im Mittelaltergewand von einer Führung kam.“ Nun steht sie selbst auf ebendiesem Marktplatz und weist die Gruppe auf einen eingekerbten Stein hin, den sogenannten „Bremer Spuckstein“. Hier soll 1831 der Kopf der 15-fachen Giftmörderin Gesche Gottfried gerollt sein. Als Zeichen der Ächtung soll man an dieser Stelle ausspucken. Dieser Brauch ist aber glücklicherweise aus der Mode gekommen.
Sehr viel appetitlicher wird es im Laufe der Führung aber leider nicht. Vor allem in den verwinkelten Gassen des Schnoor-Viertels schauert es die Zuhörer nicht nur wegen der Kälte, als sie von den Heeren von Ratten und den 200 Pestopfern hören, die der „Schwarze Tod“ damals täglich forderte. Spätestens als die Gruppe zur verlassenen Schlachte herabsteigt, um den letzten Horrorgeschichten zu lauschen, sind alle Zweifel beseitigt, ob die sonst so beschauliche Bremer Innenstadt gruseltauglich ist.
Denn die Schlachte, den meisten eher als Kneipenmeile bekannt, war in den zwanziger Jahren Filmset und Anlegeplatz für den „Ur-Dracula“ Nosferatu. Hier ging der blutrünstige Vampirfürst vor der Kulisse der mittlerweile alten Packhäuser von Bord, um seinen Durst zu stillen und Stummfilmgeschichte zu schreiben. (nag)

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