
Von einer Sensation mag Landesarchäologe Dr. Dieter Bischop nicht sprechen. Aber für jemanden, der oft in verschütteten mittelalterlichen Kloaken nach Knochenresten und Münzen suchen muss, um die Geschichte Bremens zu rekonstruieren, sind die massiven Mauerreste schon ein Ausnahmefund. 4,75 Meter sind sie dick, und sie trugen einen Turm, der 40 bis 50 Meter hoch war. Wer die Weser hinaufzog, um Bremen anzugreifen, musste erst einmal an ihm vorbei. Es gelang niemanden.
Der Baggerfahrer, der derzeit nah am Weser-Tower das Erdreich für das GOP-Varieté-Theater beseitigt, ist an den Fundamenten sozusagen auch vorbeigefahren. Er hielt die Steine, an die seine Schaufel kratzte, für Weltkriegsschutt. Und so wurde schon ein großer Teil des Mauerstücks zerstört, bevor die Archäologen ihre Arbeit beginnen konnten. Dennoch können die noch viele Erkenntnisse gewinnen.
Drei Zwinger gab es im alten Bremen. Die Lage der anderen beiden sind bekannt – im Ostertorbereich und in der Neustadt. Nur die Lage dieses Turms, der seit 1525 am Nordende der Stadt zum Schutz des Stephani-Viertels aufgeschichtet worden war, blieb unbekannt. „Er hätte auch in der Weser liegen können“, sagt Bischof mit Blick auf die Verschiebungen der Uferzone im Lauf der Geschichte. Von daher war der Fund eine Überraschung.
Die Historiker, die den Turm sonst nur von alten Stichen kannten, wissen nun um seine Ausmaße, seine achteckige Form und seine Lage. Und sie können an den Brandspuren sein Ende im Jahr 1647 nachvollziehen. Als die sechs Tonnen Schwarzpulver explodierten, flogen Mauerteile wie Geschosse in die Stadt mit verheerender Wirkung. Viele Häuser wurden zerstört, es muss etliche Opfer gegeben haben.
Neun Jahre war an der Trutzburg gebaut worden. Aber die Bremer hatten nur rund 110 Jahre etwas von ihm. „Bräutigam“ nannten sie ihn. Die „Braut“, das war der große Zwinger auf der Neustadt-Seite, unweit des ehemaligen Beluga-Gebäudes. Die Stadt lag der „Braut“ zu Füßen, aber der „Bräutigam“ konnte nicht zu ihr gelangen.
Das klingt fast schon romantisch. Aber so war die Realität nicht. Der Turm, von dem aus die Kanonen gegen die Feinde gerichtet wurden, gehörte zum Verteidigungsriegel gegen die 12 000 Landsknechte, die im Zuge der Konfessionskriege 1547 Bremen belagerten. De Zwinger dienete nicht nur als Waffen- und Pulverlager, er war im Keller auch ein Gefängnis.
Sein Ende 1647 war geräuschvoll. Wie das Ende für die Reste 2012 ausfallen wird, ist unklar. Man verhandelt mit dem Unternehmen. Aber wie bei vielen Grabungen in Bremen werden auch diesen Funde wohl still und leise unter Beton verschwinden.
