
Sarah Connor, Nena oder Lena? Weit gefehlt. Andrea Berg heißt Deutschlands erfolgreichste Sängerin. Mehr als zehn Millionen Platten hat die Krefelderin bis heute verkauft, dabei reihenweise Gold und Platin gesammelt und einen Weltrekord aufgestellt, als sich ihr Best-Of sechs Jahre in den Top 100 hielt. Von den genannten Konkurrentinnen grenzt Berg vor allem eine beispiellose Konstanz ab. Jedes neue Album hievt sie in die Spitze der Charts, jede Tournee verkauft sie bis in die letzte Reihe aus. Gerade wenn man meint, das Erfolgsrezept habe sich erschöpft, verändert Berg die Zutaten – in einer Dosis, die alte Fans nicht verprellt, aber so sehr, dass es für Platz 1, Echo und Stimmgabel reicht.
Neu auf dem aktuellem Album „Abenteuer“ ist die Melancholie, das Sinnierende, die Schwere. Der Schlager-Star verarbeitet den plötzlichen Tod ihres Vaters. Weil es dafür eigene Worte braucht, hat Dieter Bohlen, der Erfolgsproduzent, Berg ermutigt, die Texte selbst zu schreiben. Im Ergebnis fällt das berührend, persönlich, fast peinlich-intim aus. Die Produktionsphase nennt Berg dann auch eine Zeit, „in der das Leben wie Schuhe aus Blei war“.
Bohlen hat Berg wider die Skepsis vieler Kritiker musikalisch nicht umgepolt, sondern ihre Bandbreite erweitert. „Wir wollten experimentieren, weil wir seelenverwandt sind: Wir haben die gleiche Leidenschaft und wollen etwas voranbringen“, sagt Berg. Die vertonte Eigentherapie durchlöchert in ihrer Nachdenklichkeit die landläufige Annahme vom Schlager als Trivialmusik. Die 46-Jährige übersetzt nämlich die Definition des Genres, hernach Schlager an das Harmonie- und Glücksbedürfnis appellieren, für sich so: Harmonie kann überhaupt erst entstehen, wenn man sich zuerst den Problemen stellt. Es ist ein erfrischender, weil realistischer Ansatz. Ein Ansatz, dem unbedingt zu wünschen wäre, dass er in der Szene Schule macht, und den Partykonsens eines DJ Ötzi verdrängt.
Natürlich reduziert sich der Erfolg von Andrea Berg nicht nur auf ihr musikalisches Werk. Die Fans loben und lieben die Sängerin für ihre Bodenständigkeit. 300 Termine kann sie im Jahr haben, der Kontakt zur Basis bleibt ihr trotzdem heilig. Wenn sie sich nach einem Auftritt aus Lederkorsage, den Stiefeln und Netzstrümpfen geschält hat, straft sie eher die Medien mit kalter Schulter, um noch Autogramme zu schreiben. So viel Fannähe kommt an, zumal es sich hier nicht um kalkulierte PR-Masche handelt. Am Anfang der Karriere hielt Berg immerhin auch am Job als Krankenschwester fest, bis 1998 blieb sie festangestellt. Da war der kommerzielle Durchbruch schon längst geschafft. Produzent Eugen Römer hatte, von einem einfachen Demostück begeistert, die rockige Stimme in vier Alben gegossen. Bis 2011 folgten zehn weitere Platten, allesamt abonniert auf ganz oben.
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