Seit 1993 gibt es die Moschee an der Potsdamer Straße. 14 Leser der NORDSEE-ZEITUNG sahen sich bei einer „NZ+Ich“-Aktion dort um. Foto: Brocks
Seit 1993 gibt es die Moschee an der Potsdamer Straße. 14 Leser der NORDSEE-ZEITUNG sahen sich bei einer „NZ+Ich“-Aktion dort um. Foto: Brocks

„Ein Ort der Begegnung“

Von außen ist die Zentrum-Moschee an der Potsdamer Straße recht unscheinbar. Gebe es das Minarett und das Türschild nicht, käme wohl niemand auf die Idee, dass sich hinter der nüchternen Fassade eine Moschee befindet. Bei einer „NZ+Ich“-Aktion warfen 14 interessierte Leser einen Blick hinter die Fassade und lernten die türkisch-islamische Gemeinde zu Bremerhaven kennen.

„Die Moschee ist eine Begegnungsstätte“, sagte Neval Gök, Dialogbeauftragte der Gemeinde. Willkommen seien Menschen aller Nationalitäten und Konfessionen: „Die Tür steht allen offen“, so Gök, die den Besuchern die Abläufe erklärte. „Bevor wir den Koran rezitieren oder beten, nehmen wir eine rituelle Waschung vor.“ Gesicht, Nase, Ohren, Mund, Arme, Beine, alles wird je dreimal gewaschen – zur Reinigung, und zur Entspannung.

Dann geht es, aus hygienischen Gründen ohne Schuhe, in den Gebetsraum. Den Boden ziert ein weicher Teppich, die Wände sind mit kunstvoll bemalten Fliesen dekoriert, an der Decke hängen Kronleuchter. Bilder oder Statuen dagegen gibt es nicht: „Im Koran steht: Du sollst dir kein Bild von Gott machen“, erklärte Gök.

Mindestens fünf Gebete am Tag

Fünf Mal am Tag sollen Muslime sich gen Mekka verneigen, so steht es im Koran, und so habe es der Prophet Muhammad vorgelebt. Die Gebetszeiten variieren, werden unter anderem von Sonnenauf- und Sonnenuntergang bestimmt. „Nicht für jedes Gebet muss man in die Moschee kommen“, erklärt Gök. Beim Freitagsgebet aber fehle ein gläubiger Muslim so gut wie nie. „Freitags sind 700 bis 800 Gläubige hier.“ Die Männer beten im Saal, die Frauen auf der Empore. „Schon allein aus Platzgründen. Der Raum ist für alle einfach zu klein.“ Dass Frauen und Männer oft getrennt beten, werde häufig als frauenfeindlich missverstanden. Dass sie nicht „Schulter an Schulter“ beten, habe aber einen ganz praktischen Grund: „Sie sollen sich nicht gegenseitig ablenken.“ Da das Gebet der Muslime ein „sehr körperliches“ sei, diene diese Regel zudem dem Schutz der oft körperlich unterlegenen Frauen. „Wir Frauen besitzen einen hohen Stellenwert in unserer Gemeinschaft“, betonte Gök.

Ob und wie religiöse Gebote befolgt werden, entscheide jeder selbst, sagte Fatih Kurutlu, Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Gemeinde Bremerhaven. Kein Muslim müsse sich vor seinen Mitmenschen rechtfertigen, letztlich sei alles eine Sache zwischen dem Gläubigen und seinem Schöpfer. „Beten ist für mich persönlich kein Zwang“, betonte Kurutlu. Er nutze das regelmäßige Gebet, um seinem Schöpfer zu danken, und um im Alltag zur Ruhe zu kommen. „Wenn ich aus Zwang bete, hat es keinen Wert.“

„Jeder Mensch kann Fehler machen“

Bei einer Diskussionsrunde sparten Leser und Gemeindevertreter nicht an klaren Worten zur aktuellen Lage. „Es gibt 1,2 Milliarden Muslime“, so Kurutlu. Man dürfe nicht alle über einen Kamm scheren: „Jeder Mensch kann Fehler machen. Den Fehler eines Einzelnen dem ganzen Islam, allen Muslimen, anzulasten ist nicht gerecht“, sagte er mit Blick auf Salafisten und IS-Terroristen und betonte: „Wir lehnen Fanatismus ab.“ Kurutlu plädiert dafür, „aufeinander zuzugehen und sich kennenzulernen“ – nur so könnten Vorurteile abgebaut werden.