Bremerhaven/Antarktis (sus). Mit 15 Jahren gehört sie zum alten Eisen und muss weg. Das Schicksal der Neumayer-Station II ist besiegelt: Erst wird sie ausgeschlachtet, dann verschrottet. Nicht ganz: Einem Teil der einst 20 Millionen Mark teuren Konstruktion ist Unsterblichkeit gewiss. Die „Haut“ der Höhlenlabore, zwei 90 Meter lange Stahlröhren, wird in Schnee und Eis versunken durch die Jahrhunderte driften.
Die beiden Röhren, die in ihren acht Metern Durchmesser alles bargen, was Wissenschaftler in 15 Jahren zum Leben und Forschen auf dem Ekström-Schelfeis brauchten – Container voller Labore, Schlafkabinen, Aufenthaltsräume, Sanitärbereiche, Küche, Krankenstation, Werkstatt, Funkraum, Bibliothek – werden schon jetzt von der weißen Gewalt in rund 14 Metern Tiefe verformt, jedes Jahr von weiteren 80 Zentimetern eisiger Schneelast gequetscht.
„Die Röhren werden sich mit dem Schelfeis in Tempo 157 Meter pro Jahr nach Norden bewegen“, orakelt Dr. Hartwig Gernandt, Leiter der Logistik am Alfred-Wegener-Institut.
„In rund 150 Jahren werden sie die Abbruchkante des Schelfeises erreicht haben.“ Und in 200 Jahren, prophezeit schmunzelnd Ingo Kramer, der die Station einst gebaut hat, „schwimmen die als gigantischer Eisberg herum und tauchen eines fernen Tages durch die Welt-Erwärmung als zerquetschte Klumpen irgendwo aus dem Eis wieder auf. Und kein Mensch wird wissen, was das mal war.“ Die Männer der Ausrangierten tragen’s mit Fassung. „Es ist spannender, aufzubauen, als abzureißen“, meint der Chef der Firma H. J. Kramer.
Abgerissen werden, wenn erst mal alles noch Verwendbare – wie die 22 Betten, Laboreinrichtungen, Rechner, Möbel, Treibstofftanks, Generatoren, Gebrauchsgegenstände – komplett in die dritte Neumayer-Station umgezogen ist, die 40 Container in den Röhren. Auch die Treppenhäuser – 90 Stufen führten zuletzt ans Tageslicht – Garagen – alle 154 000 Einzelteile, aus denen die Station gebaut wurde, werden wieder zerlegt, „zurückgebaut“, so Gernandt. „Theoretisch dürften wir alles da im Eis stehen lassen, weil es lange vor Inkrafttreten des Antarktis-Umweltschutzprotokolls von 1998 errichtet worden ist.“ Heute muss alles, was ins Eis kommt, auch wieder da raus. „Aber die Röhren auszubauen, wäre für die Umwelt schädlicher, als sie drin zu lassen.“
Da man sich aber dem Südpolabkommen verpflichtet fühle, wird der übrige „Müll“ binnen zwei Jahren für den Seetransport verpackt – „Container für Container wird in die Transport-Querröhre gezogen und von da mit Schlitten über die Rampe raus gefahren“, sagt Kramer. Danach wird alles in Kapstadt und Deutschland „sachgerecht entsorgt“. Verschrottet. „Unsere südafrikanischen Partner“, erklärt Gernandt, „befassen sich gerade mit einem Konzept, wie das gehen könnte.“ (Personalaufwand und Kosten seien noch unklar. „Insgesamt für Rückbau, Charterschiff, Transport“, schätzt Hartwig Gernandt, „kostet das sicher zweieinhalb Millionen Euro.“) Eines lässt den Cheflogistiker im Trubel um neue und alte Station erleichtert seufzen: „Die neue Station ist auf 30 Jahre Lebensdauer ausgelegt.“
