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„Die islamische Welt wird zerfallen“

München. Hamed Abdel-Samad war als Student in Kairo Mitglied der Muslimbrüder, einer in Ägypten verbotenen Vereinigung von Fundamentalisten – heute sitzt der 38-Jährige in der deutschen Islamkonferenz und schreibt Bücher. „Der Untergang der islamischen Welt“ erscheint heute. Über seine kontroverse These sprach der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler mit Redakteurin Yvonne Stock.

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Warum wird die islamische Welt untergehen?

Weil der Islam keine Antworten mehr auf die Fragen des modernen Lebens geben kann. Ich rede von dem Islam als politische Idee, der sich in den Alltag einmischen und die Politik mitgestalten will.

Warum kann sich der Islam nicht an die Moderne anpassen?

Nicht der Islam, sondern Muslime können sich anpassen. Aber dann muss man die Unantastbarkeit des Koran, des Propheten und der Religion in Frage stellen. Danach müssen die politischen Strukturen verändert werden.

Wenn Sie die Unantastbarkeit des Korans anzweifeln, haben Sie dann keine Angst, wieder Polizeischutz zu benötigen, wie nach ihrem letzten Buch?

Es ist mir egal. Einer muss es ja sagen. Wenn ich an so etwas denke, dann kann ich kein Wort mehr sagen, das kann ich mir nicht leisten.

Wie kann man sich den Zerfall der islamischen Staaten konkret vorstellen?

Es wird keine kreative Wirtschaft betrieben. Und wenn man bedenkt, dass in 30 Jahren kein Erdöl mehr da ist und der Klimawandel große Agrarflächen verschlingen wird und viele touristische Attraktionen unbrauchbar macht, wovon soll die islamische Welt dann – rein wirtschaftlich betrachtet – leben? Der materielle Zerfall bedeutet Anarchie, der Staat verliert immer mehr an Einfluss, die Gewalt wird privatisiert und dann gibt es Bürgerkriege.

Welche Länder werden zuerst „zerfallen“?

Der Zerfallsprozess findet gerade schon statt, zum Beispiel in Somalia, Irak, Afghanistan, Pakistan und Algerien. Ich halte zudem die arabischen Staaten für extrem gefährdet, weil sie sehr wenig für Bildung und die Öffnung des Geistes machen.

Die islamische Welt besteht schon sehr lange. Warum sollte sie ausgerechnet jetzt untergehen?

Seit mehreren Jahrhunderten gibt es in der islamischen Welt eine geistige Erstarrung. Man konsumiert die modernen Produkte, aber man verschließt seinen Geist vor dem modernen Denken der Freiheit und Gleichberechtigung. Die islamische Welt scheitert an drei Dingen: Die Unantastbarkeit des Heiligen, Konsum ohne Produktivität und dem Dauerbeleidigtsein.

Sie fordern in dem Buch predigende Frauen in Moscheen. Wird es wirklich einmal dazu kommen?

Wir haben schon muslimische Predigerinnen. Warum sollten sie nicht auch irgendwann in Moscheen predigen. Wenn die Religion privatisiert ist und sich von den archaischen Strukturen gelöst hat und nur noch als spirituelle Quelle gesehen wird, dann sind Frauen als Imame möglich.

Ist der Zerfall der islamischen Welt auch eine Gefahr für den Westen?

Der Zerfall führt auch zum Aufstieg des Fundamentalismus und des Militarismus. Der Fundamentalismus beschäftigt uns noch eine Weile, fürchte ich.

Man kann nichts dagegen unternehmen?

Die Veränderung und die Reform müssen von innen kommen und können nicht von außen befohlen werden. Aber der Westen kann seine Allianzen mit den Diktatoren dort überdenken und sich demokratische Verbündete suchen.

Können die jungen Menschen in den islamischen Staaten nichts zum Positiven verändern?

Die jungen Menschen müssen ihre Staaten verlassen, weil sie zerfallen. Sie haben keine andere Alternative als in den Westen zu gehen. Und dann sind sie in einer Kultur auf einem Kontinent, den die jungen Muslime innerlich verachten.

Wie könnte das deutsche Integrationsproblem gelöst werden?

Jede veraltete Form von Identitätspolitik muss weg. Sarrazin mit seinem romantischen Bild von einem Deutschland, wo nur die Deutschen leben, ist passé. Deutschland ist bunt. Die Muslime müssen sich zu diesem Land bekennen. Und das Bildungssystem muss sich umorientieren und darf nicht mehr nur auf die Bedürfnisse des deutschen Mittelschichtkindes ausgerichtet sein. Es muss die sozial benachteiligten Kinder berücksichtigen. So kann man eine bessere Integrationspolitik betreiben. Herr Sarrazin und seine Generation sind kein Teil dieser Lösung mehr, fürchte ich.

Wollen Sie mit Ihrem Buch den Westen oder die islamische Welt erreichen?

Ich sehe mich als Teil der islamischen Welt und Teil des Westens zugleich. Deshalb erscheint mein Buch sowohl auf Deutsch als auch auf Arabisch. Jede Seite soll über die eigenen Versäumnisse nachdenken. Jeder Einzelne soll darüber nachdenken, was er machen kann, damit wir nicht in einer Katastrophe enden.

Zum Weiterlesen

Hamed Abdel-Samad: Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose. Droemer Verlag, 240 Seiten, 18 Euro

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Artikel vom 10.09.10 - 07:00 Uhr
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