
Auf dem Schild im historischen Triebwagen mit der 3. Holzklasse ist zu lesen: „Zur Förderung der öffentlichen Gesundheit wird dringend ersucht, nicht in den Wagen zu spucken“. Wer sich daran nicht gehalten hätte, wäre auch dumm aufgefallen, denn mit rund 120 Leuten war der Waggon rappelvoll. Sie alle waren gekommen zur Premiere von „Muna Lübberstedt“. Wie der Name ahnen lässt: Das Stück spielt auf dem Gelände der Muna Lübberstedt, wo im zweiten Weltkrieg Munition und Seeminen produziert wurden und wo KZ-Häftlinge unter erbärmlichen Umständen Zwangsarbeit leisten mussten. Vom Thema und Spielort her wieder eine echte Herausforderung für die Leute um Jens-Werner Siemssen, dem Drehbuchautor und Regisseur der Kleinod-Truppe.
Im ersten Bild ist die Welt noch in Ordnung. Da ist das Lübberstedter Waldhaus ein beliebtes Ausflugslokal und da kommt fröhlicher Gesang von der Rampe, der begleitet wird vom A-capella-Chor „Kontrapunkte“. Doch dann wird es ernst. Der Krieg bricht aus, das Waldhaus wird umfunktioniert, ein schneidiger Soldat (Claus Franke) marschiert durch die Szene und auf einem Lkw werden „Judenfrauen aus Ungarn“ ins Lager transportiert. Eine gespenstische Lichtdramaturgie und das harte Getrappel der Militärstiefel lassen beklemmende Szenen erahnen. Und in der Tat: In der Munitionsfabrik knallt die SS-Aufseherin (Wiebke Acton) der Zwangarbeiterin (Ania Piórek) einen schweren Kistendeckel auf die Finger, so dass sie vor Schmerzen aufschreit. Eine Szene, so glaubhaft gespielt, dass sie berührt und empört zugleich. Einige Stationen weiter versetzt der Anblick eines Trupps Frauen, die auf Holzschuhen aus dem Wald marschiert kommen, das Publikum ins Schaudern.
Weitere Überraschungs-Effekte dieser großartigen, wenngleich bedrückenden Inszenierung sollten hier noch nicht verraten werden. Nur noch so viel: Warm anziehen und mitfahren, es lohnt sich.
Karten: Reservierung (empfohlen) unter 0 47 49/10 25 64
